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"Mal Lehrerin, mal große Schwester und mal Spielkamerad"

Johanna war als Freiwillige mit dem ICJA in Äthiopien (weltwärts 2010/2011)


Ein halbes Jahr ist vergangen seit meiner Ankunft hier in Äthiopien – und es hat sich einiges getan!

Am Anfang war ich manchmal ziemlich unglücklich in meinem Projekt und in der Großstadt, habe mich überflüssig gefühlt und nicht wirklich das Gefühl gehabt, etwas beitragen zu können. Inzwischen bin ich glücklich, wenigstens ein paar Stunden im Leben einer Handvoll Kinder zu verändern. Und in meinem Projekt fühle ich mich richtig zu Hause und komme mit fast allen Kollegen super klar, sie sind meine Freunde geworden. So habe ich nicht einen Ansprechpartner, sondern gleich sechs, die sich rührend um mich kümmern und mich glaube ich inzwischen genauso ins Herz geschlossen habe wie ich sie.

Auch die Großstadt Addis Abeba ist inzwischen mein geliebtes Zuhause geworden, das ich richtig vermisse, wenn ich mal für ein paar Tage außerhalb bin! So fühle ich mich mittlerweile voll und ganz angekommen! Das beginnt damit, dass die Kinder auf meinem Weg zur Arbeit mir nicht mehr „ferenji!“ (Weißer!) zurufen, sondern „Johanna!“ und geht soweit, dass der Besitzer meines Stamm-Lebensmittel-Lädchens mich stürmisch begrüßt, wenn ich einige Tage nichts gekauft habe, und fragt, wo ich denn so lange geblieben bin. Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, bedeutet mir aber einiges, weil es mir zeigt, dass ich nicht mehr länger nur eines der auffallenden weißen Gesichter hier bin, sondern beginne, ein (wenn auch etwas exotischer) Teil der Gemeinschaft zu sein.

Meine Rolle im Projekt ist in viele, kleine Bereiche geteilt. Für die Kinder bin ich mal Lehrerin, mal große Schwester und mal Spielkamerad, tröste, ermuntere und unterhalte sie. Für meine Kollegen habe ich vielleicht eher die Rolle einer „Kulturbotschafterin“ als wirklich die einer großen Hilfe, das scheint aber auch okay zu sein und ist ja irgendwie auch Teil des weltwärts-Gedankens. Für die zweite Hälfte meiner Zeit hier habe ich mir trotzdem vorgenommen, mehr eigenständig zu machen, bis jetzt laufe ich (bis auf meine Unterrichtsstunden) meistens überall mit und übernehme nur kleinere unterstützende Aufgaben.

Herausforderungen gibt es natürlich überall, beim Arbeiten wie im Alltag: Zum Beispiel Klavierunterricht geben für ungefähr 15 aufgedrehte Kinder gleichzeitig, die gewohnt sind, mit Gewalt gebändigt zu werden und auf meine pazifistischen Erziehungsmethoden nicht so richtig ansprechen, während im gleichen Raum 30 weitere Kinder umher toben. Oder auch einfach den Alltag im Slum von Kirkos erleben, was nicht immer einfach zu verkraften ist und unter die Haut geht.
Umso stolzer bin ich dann aber, wenn ebendiese 15 wilden Kinder bei einer Feier im Projekt ganz ruhig und konzentriert ihre eingeübten Stücke vorspielen und auch in den Unterrichtsstunden inzwischen mucksmäuschenstill werden, wenn ich nur streng schaue. Und umso besser tut es mir, zu sehen, wie die Kinder und Familien durch die Unterstützung des Projekts aufblühen, was vielleicht gar nicht so sehr an der tatsächlich erhaltenen Hilfe liegt, sondern vielmehr an der Tatsache, dass sie sich mit ihren Problemen nicht allein gelassen fühlen müssen.
Ansonsten verbuche ich es bereits als Erfolg, wenn es mir gelingt, eine Unterhaltung komplett auf Amharisch zu bestreiten oder beim Verhandeln echte habesha-Preise zu erzielen, also ohne den Aufpreis, den man als Weißer sonst oft zahlen muss.

Seit meiner Ankunft hier hat sich auch meine Wahrnehmung von Äthiopien stark verändert. Am Anfang schien mir alles exotisch, aufregend, oft sonderbar und einfach fremd und weit weg von allem Gewohnten. Wenn man aber aufhört, ständig nur die Extreme zu sehen und die Unterschiede zu suchen, fällt auf, dass Menschen überall auf der Welt Menschen sind und es auch viele Parallelen zwischen hier und Deutschland gibt. Verhätschelte Babys sind überall gleich, genauso wie rotzfreche Elfjährige. Autos werden überall sorgfältig gewaschen und das gute Aussehen spielt auch bei Wasserausfall und unter widrigsten Bedingungen eine wichtige Rolle! Und, wer hätte es gedacht? Selbst das Lied „Bruder Jakob“ wird auch in Äthiopien und auf Amharisch gesungen...

ICJA weltwärts Freiwillige an der Mule River Gorge in Äthiopien

Eine glückliche Freiwillige an der Mule River Gorge...