Costa Rica

 

Anja war als Teilnehmerin des Programms Internationaler Freiwilligendienst für unterschiedliche Lebensphasen (IfL) in Costa Rica (2006/2007)


So kann konzentriertes Arbeiten aussehen

Zunächst will ich kurz etwas über das Land Costa Rica sagen. Costa Rica ist ein wunderbares Reiseland: Flora und Fauna sowie die Strände sind umwerfend und die vorhandene Infrastruktur in diesem kleinen Land ermöglicht ein bequemes Reisen, ohne dass das Abenteuergefühl ganz verloren geht. Costa Ricas Wirtschaft lebt zum großen Teil vom Tourismus, so wird die Natur, die den Tourismus bedingt geschützt. Costa Rica ist mit den Vereinigten Staaten wirtschaftlich und politisch stark verwoben, trotzdem ist eine gewisse Abneigung den Amerikanern gegenüber zu spüren. Das Interesse an Europa ist hingegen sehr groß, die Ticos, wie die Costaricaner sich selber nennen, scheinen sich den Europäern näher zu fühlen. Vergleicht man die Geschichte Costa Ricas mit der Geschichte der anderen zentralamerikanischen Staaten, so hat man den Eindruck, Costa Rica ist von der Kolonialgeschichte und ihren Auswirkungen zum Teil verschont geblieben (z.B. extreme Ausbeutung, Bürgerkriege). Die Ticos berufen sich auf ihre jüngste Geschichte. Sie sind stolz darauf, dass Costa Rica ein demokratischer Staat ist, keine Armee besitzt und wirtschaftlich und sozial schnell zu einem hoch entwickelten Land geworden ist - im Gegensatz zu seinen Nachbarn. Für mich wurde der zunehmende Reichtum in San Jose an der übergroßen Menge an Autos deutlich und an den extrem gesicherten Häusern. Westlicher Standard hält hier eindeutig Einzug. Das heißt aber nicht, dass es keine sichtbare Armut gibt. Beeindruckend und für mich besonders positiv ist aber, dass es eine breite Mittelschicht gibt und nicht die extreme Ungerechtigkeit zwischen wenigen Reichen und der Mehrheit, die in Armut lebt, so wie man es in Lateinamerika in der Regel vorfindet.
Die Zusammensetzung der Bevölkerung ist vielfältig. Die großen Gruppen, die Farbigen und die Chinesen, die im 19. und 20. Jahrhundert als Arbeiter nach Costa Rica kamen, sind gut integriert. Ein Problem bildet allerdings die große Gruppe der Nicaraguaner, die in der jüngsten Geschichte Zuflucht in Costa Rica gesucht haben und heute zu den Armen und Benachteiligten gehören.
Die Ticos sind offen, sehr freundlich und interessiert; ihre aufgeweckte und zuversichtliche Haltung drückt sich wohl am besten in der gängigen Grußformel „Pura Vida“ aus.

Meinen dreimonatigen Freiwilligendienst habe ich in der öffentlichen Grundschule, Escuela Cuidadela De Fatima in San Jose verbracht. Die Schule befindet sich im Stadtteil Tirrases, welcher am Rand der Stadt liegt und dessen Bewohner der unteren Mittelklasse zugeordnet werden.
Die Schule hat einen Kinderhort und die Klassenstufen 1-6. Die Lehrer unterrichten von sieben Uhr morgens bis 17 Uhr am Nachmittag. Ich habe von sieben Uhr bis 14 Uhr gearbeitet.
Aufgaben wurden mir direkt nicht zugewiesen, vielmehr wurde ich einer Lehrerin und ihrer sechsten Klasse zugeordnet. Meine Tätigkeiten an der Schule haben sich im Folgenden aus meiner Eigeninitiative und meinen Fähigkeiten sowie dem Vertrauen, das mir mehr und mehr entgegengebracht wurde, ergeben.
Nach einigen Tagen hospitieren wurde mir klar, dass ich mich langweilen würde, wenn ich nur solche Arbeiten wie Vorlesen auf Französisch oder Texte an die Tafel schreiben aufgetragen bekäme.
Ich fragte also nach, ob ich die Schüler im Zeichnen unterrichten könne. Meine Idee wurde sofort angenommen; und ich bekam bis zum Ende meines Dienstes eine Unterrichtsstunde täglich in der Klassenstufe sechs. Nicht viel später konnte ich dann mit den zweiten und dritten Klassen jeweils eine ganze Woche ein künstlerisches Projekt machen. Neben diesen Arbeiten nahm ich weiter am Unterricht verschiedener Klassen teil und unterstützte die Lehrerinnen oder betreute einzelne Schüler, die förderungsbedürftig waren. Konkret sah mein Unterricht wie folgt aus. In der sechsten Klasse stellte ich Zeichenaufgaben, die mit wenig Worten und von mir gezeichneten Anschauungsbeispielen schnell verständlich waren und in kurzer Zeit zu einem ansehnlichen Ergebnis führten. Ich ging so vor, weil ich nur jeweils knapp 40 Minuten Zeit hatte, weil die Schüler sich nur kurz konzentrieren konnten, bzw. unbedingt Zeichnen und nicht Zuhören wollten. Ich war erstaunt mit welch einem Eifer sich die Schüler immer wieder auf die Aufgaben stürzten. Sie freuten sich auf diese besonderen Stunden und fragten mich ständig auf dem Hof, was wir denn nächste Stunde machen würden, oder sie brachten mir die Zeichnungen, die sie zu Hause angefertigt hatten.
Mit den Kleinen war die Arbeit ganz anders. Wir bauten aus Pappmaché Tiere und verwandelten den Klassenraum in eine lebendige Werkstatt. In kleinen Gruppen saßen sie zwischen Bergen von Papier, klebten, malten, schnitten, halfen sich gegenseitig; es war eine sehr ausgelassene Arbeitsatmosphäre.
Ich unterrichtete ganz alleine. Dabei erweiterte sich mein Spanischwortschatz – jeden Abend suchte ich die Vokabel, die ich brauchte um die Aufgaben zu vermitteln und während des Unterrichts verbesserten mich die Schüler. Hinzu kam noch, dass ich keine Noten geben musste und über das Unterrichten hinaus, nichts mit der Schule zu tun hatte. Das war für mich wichtig, da ich mir von meiner Arbeit in Deutschland frei genommen hatte, um von solchen organisatorischen Dingen Abstand zu finden. Ich konzentrierte mich auf die Schüler und darauf zum Zeichnen bzw. Basteln anzuregen. Für die Schüler bin ich mit meiner Art zu unterrichten sichtlich eine neue Erfahrung gewesen.
Die vorgefundene Situation stellte durchaus eine Herausforderung für mich dar; ich musste meine Aufgabe selbst erfinden und in einer fremden Sprache in einem anderen Schultyp unterrichten. Ich denke, ich konnte diese Situation gut bewältigen, weil Unterrichten mein Beruf ist. Wichtig war dabei ebenfalls, dass mir von der Schulleitung und den Lehrern so schnell Vertrauen entgegengebracht wurde. In vielen Situationen musste ich spontan reagieren, zum Beispiel wenn die Lehrerinnen den Raum verließen, es gelang mir in der Regel gut. Eine Erfahrung, die ich hoffentlich mit zurück in meine Arbeit nehme. Für die Lehrer war ich insoweit ungewöhnlich und interessant, als ich mit 38 Jahren von meiner Arbeit in Deutschland frei nehmen konnte, um in Costa Rica als Volontärin zu arbeiten, weil ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe.


Mittagspause

In meine Gastfamilie wurde ich sehr schnell integriert. Das junge Paar, Tati und Fabio (24,38), hat drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen (5,6, 2). Die Kinder spielten für mich eine besondere Rolle, denn viele Nachmittage verbrachte ich mit ihnen, wobei ich meistens mit ihnen malte oder bastelte, sie waren für mich die Brücke zur Familie. Meine Gastmutter und ich wurden uns im Laufe der Zeit immer vertrauter, und obwohl sie wegen der Kinder und dem Haushalt nie viel Zeit, war sie mir besonders in persönlichen Fragen eine Stütze. Der Gastvater arbeitete viel, war wenig zu Hause und blieb mir fremd. Die klassische Rollenverteilung ist in dieser Familie wie in den meisten Familien in Costa Rica, die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, der Mann geht arbeiten.
Die Töchter der Familie gehen beide auf eine Privatschule, dafür wird viel Zeit und Geld investiert. Da die öffentlichen Schulen keinen guten Ruf haben, schicken immer mehr Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen. Diese Schulen sind Ganztagsschulen und haben ein sehr hohes Bildungsniveau, außerdem werden die Eltern (in der Regel die Mütter) stark in die Arbeit miteinbezogen. Häufig müssen also auch die Mütter zur Schule; nebenbei hat dies dazu geführt, dass die Privatschulen gleichzeitig so etwas wie ein Club für die Eltern darstellen. Ich besuchte die Schule und solche Treffen mit meiner Gastmutter, für mich war es besonders interessant, weil ich an einer öffentlichen Schule arbeitete und der eklatante Unterschied mir deutlich wurde. Das Bildungsniveau in Costa Rica wird sicherlich immer stärker von der sozialen Herkunft abhängig werden.
Die Eltern meiner Gasteltern lebten in der Nähe und wurden regelmäßig an den Wochenenden besucht oder schauten selbst während der Woche herein. Allgemein kann man vielleicht sagen, dass früh eine Familie gegründet wird und folglich der Alterunterschied der Generationen viel geringer ist. Man erlebt es häufiger, dass junge Familien mit ihren Eltern unter einem Dach leben. Meine Gastmutter konnte zum Beispiel ihre Kinder nicht in die Obhut der Großeltern geben, weil diese selbst noch erwerbstätig sind. Ich hatte den Eindruck, dass für die Frauen einerseits das Leitbild gilt, früh zu heiraten und mehrere Kinder zu bekommen, dass sie aber gleichzeitig auch ihre zukünftige Erwerbstätigkeit vor sich sehen. In einem Gespräch mit einer Lehrerin sagte sie, es sei eine gute Entscheidung von mir, keine eigenen Kinder zu haben. Die meisten Frauen sehen in der dreifachen Aufgabe Kinder, Haushalt und Beruf eine Belastung. Außer in den Privatschulen gibt es so gut wie keine Kinderbetreuung.
Ich empfand in diesem Punkt den Unterschied zwischen Costa Rica und Deutschland nicht sehr groß, wobei sich die Situation noch anzugleichen scheint. Ich denke, die zwei gut ausgebildeten Mädchen meiner Gastfamilie werden vielleicht in einen hochqualifizierten Beruf gehen und das Familienleben zeitlich aufschieben.
Das Partnerkomitee, der ACI vermittelte mir gleich nach meiner Ankunft das Gefühl, als Ansprechpartner für alle Fragen da zu sein. Ich musste nicht oft davon Gebrauch machen, doch es war gut sie im Rücken zu wissen. Auf den Veranstaltungen (Salsa tanzen, gemeinsam Kochen, Länderpräsentationen, Partys) konnte man andere Exchangees treffen. Ich nahm daran teil, obwohl ich häufig spürte, dass ich älter als die meisten Exchangees dort war, und entsprechend andere Interessen hatte. Trotzdem gab es natürlich Gemeinsamkeiten, da wir uns alle in einer ähnlichen Situation befanden. So erfuhr ich einiges über die anderen Arbeitsstellen und Familien. Dabei fiel mir auf, dass bei den meisten die Aufgaben nicht klar umrissen waren und wie bei meiner Arbeit Eigeninitiative von großer Bedeutung war.
Zusammenfassend ist für mich ein Gefühl besonders wichtig. Es hat mir Freude gemacht und belebend auf mich gewirkt, mich in ganz neuen Situationen (Gastfamilie, Projekt, neue Sprache) zurechtfinden zu müssen. Und es ist mir in der Regel auch gelungen. Und dies hat für mich in beruflicher Hinsicht Bedeutung, da ich darüber nachdenke mich für den Auslandsschuldienst zu bewerben.

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