Aktuelle Blogs
JulikaFabianDirkBerrinYannisRonja
Blogs unserer Freiwilligen aus früheren Jahrgängen
Programme
weltwärtsInternationaler Jugendfreiwilligendienst (IJFD)ICJA ProgrammIntergenerationeller Freiwilligendienst
Kontakt
icja(at)icja.deTel 030-2123 8252
Links
www.icye.orgVASE Ecuador bei Facebook
Soziale Netzwerke
Ecuador
Pauline in Ecuador (2006-2007)

Der September fing mit einer großen Enttäuschung an: Ich hatte gehofft, mit einer Organisation an die Küste gehen zu können, was nicht geklappt hat. Das hat mich erst mal deprimiert. Alles an Ecuador kam mir schrecklich vor und ich fragte mich pausenlos, was ich hier eigentlich mache. Aber dann tat sich die Möglichkeit auf, dass ich hierher nach Tonsupa kommen konnte und von da an ging es aufwärts.
Nach einem sehr schönen Abschiedsabend mit allen Freiwilligen, Tortillas und Sahnetorte fuhren wir am Freitagmorgen Richtung Westen los. Erstes Ziel: Puerto Quito. Das ist eine kleine Stadt im tropischen Regenwald. Dazu muss man wissen, dass es in Ecuador nicht nur den Urwald im Osten gibt (im so genannten Amazonas-Tiefland), sondern auch Reste von Regenwald zwischen Küste und Anden. Wir kamen also in jenen Regenwald. Das war das Beeindruckendste, was ich hier in Ecuador bisher erlebt habe. Zuerst einmal ist es dort, zweieinhalbtausend Höhenmeter tiefer als Cumbaya, natürlich um einiges heißer (wir hatten um die 30 Grad Celsius) und die Luftfeuchtigkeit höher. Was mich aber wirklich umgehauen hat, war die Vegetation: bis zum Horizont nur Bäume, Bäume, Bäume. Palmen, tropische Obstbäume wie Papaya und Kakao, die berühmten Mammutbäume und viele tausend andere, die ich nicht benennen kann, Sträucher mit den imposantesten Blüten, die ich je gesehen habe, Moose, Flechten, Lianen - ein unbeschreibliches, herrliches Chaos! Dazwischen Affen, Faultiere, Kolibris und unzählige Arten von Schmetterlingen.
Am Samstagmorgen unternahmen wir eine kleine Wanderung tief in den Wald zu einem Wasserfall. Wie es ist, bei beinahe 100 % Luftfeuchtigkeit mitten im Urwald, in der unberührten Natur im Becken eines donnernden Wasserfalls zu baden, kann ich einfach nicht mit Worten beschreiben. Aber das werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen!
Am Samstagabend erreichten wir Tonsupa, eine Küstenstadt direkt bei Atacames, das als Touristenziel in und außerhalb Ecuadors bekannt ist. Meine neue Heimat für die nächsten zehn Monate!
Tonsupa ist vom Tourismus noch nicht so sehr entdeckt und gerade deswegen bei Ecuadorianern, wegen des sauberen und leeren Strands und den niedrigen Preisen beliebter als Atacames. Aber die Stadt bereitet sich nach Kräften auf das Aufwachen vom Dornröschenschlaf vor: überall schießen Hotels aus dem Boden wie Pilze, die halbe Stadt ist praktisch Baustelle. Und so teilt sich Tonsupa mehr oder weniger in zwei Teile, den alten, bestehend aus Bambus- und Bretterhütten und schlaglöcherigen unasphaltierten Straßen und den neuen, direkt am Strand, Hotels und Restaurants und Hochhäuser, wo reiche Quiteños ein Strand-Appartement besitzen. Hier hat Maria ein kleines Anwesen mit drei Häusern. Im ersten wohnt eine kolumbianische Familie, Claudia und Pierre mit ihren zwei kleinen Töchtern, im zweiten eine ecuadorianische Familie, Francisco und Nancy mit vier Kindern von vier bis zwölf Jahren; Jefferson, Joffre, Jenison und Hady. Letztere ist meine Gastfamilie hier und ich muss sagen, dass ich kein größeres Glück hätte haben können. Sie sind unglaublich liebenswert, hilfsbereit und gastfreundlich. Das dritte Haus besteht aus zwei kleinen Wohnungen, wovon die eine von einem amerikanischen Pärchen bewohnt wird. Das sind quasi meine Mit-Volontäre hier, Erin und Taylor. Die beiden arbeiten in einer kleinen Schule direkt in Tonsupa und wollen demnächst eine Fußballschule hier starten. In der anderen Wohnung wohne ich. Ich lebe vergleichsweise luxuriös mit fließend Wasser, manchmal sogar warm, Elektrizität und Kühlschrank. Zum Strand sind es zu Fuß drei Minuten. Wir haben einen herrlichen Garten mit Zitronen, Orangen, Mandarinen, Bananen, Papaya und Mango.
Inzwischen habe ich angefangen zu arbeiten. Montags und dienstags arbeite ich in einer guarderia.

"Trust the Girls!"
Diese besteht aus einer Bretterhütte auf Stelzen- da sich in der Regenzeit, die demnächst beginnt, der Boden in einen Schlammsee auflöst- und einem Garten. Fließendes Wasser und Elektrizität gibt es nicht. Genauso wie man Schaukel oder Wippe im Garten vergeblich sucht, dafür aber jede Menge Müll rumliegt. Die Kinder kommen morgens um acht, die meisten ohne gefrühstückt zu haben. Dann findet etwa eine halbe Stunde „Unterricht“ statt, indem Lieder gesungen, Wochentage, Zahlen oder Früchte gelernt werden. Während Fabiola, die einzige Kindergärtnerin für 30-40 Kinder den Unterricht zu halten, bin ich damit beschäftigt, die Kinder still zu kriegen, die heulenden zu trösten, die sich schlagenden zu trennen. Danach geht es in den Garten. Als Spielzeuge haben die Kinder alte LKW-Reifen, abgebrochene Äste, eine umgestürzte Palme und den Müll. Aber sie sind eigentlich immer ganz fröhlich und sehr erfinderisch, wenn es ums Spielen geht. Später gibt es dann Mittagessen. Die Eltern wechseln sich hierbei mit dem Kochen ab, aber der Speiseplan variiert nicht sonderlich; meistens gibt es Reis und Linsen. Danach spüle ich ab und mein Arbeitstag ist zuende.

Oh du Selige, Oh du Fröhliche...
Den Rest der Woche arbeite ich in einer Schule in Atacames. Ich muss sagen, ich hätte nie im Leben gedacht, dass Unterrichten so schwer ist – ich zolle allen Lehrern meinen Respekt. Wobei ich glaube, dass Schule in Deutschland sich kaum mit Schule hier in Ecuador vergleichen lässt. Der Schultag hier beginnt mit einem „Morgenappell“, bei dem sich alle in ihrer Uniform aufstellen und ein bisschen Gymnastik machen müssen. Danach geht es in die Klassenzimmer. In jeder Klasse sind 35 Schüler oder mehr. Die Klassenzimmer haben zwar Fenster, aber keine Scheiben. Dadurch ist es sehr offen, und man hört praktisch alles. Wie soll man sich da konzentrieren können als Schüler? Und wie soll man als Lehrer Ruhe in die Klasse kriegen? Bücher gibt es zwar, aber längst nicht jeder Schüler kann sie sich leisten. Im Unterricht kann man sich arrangieren. Man schreibt die Aufgaben einfach an die Tafel oder lässt immer zwei in ein Buch schauen, aber bei den Hausaufgaben wird es schwierig. Also können immer ausgerechnet die Schüler, die sowieso Schwierigkeiten mit dem Lernen haben (nämlich aus armen Verhältnissen) keine Hausaufgaben machen und sind dann bei den Besprechungen gelangweilt, wodurch sie wieder nichts lernen - ein Teufelskreislauf.
Ihr seht also, es geht mir gut, ich erlebe sehr viel! Und ich kann auf jeden Fall schon sagen, dass ich hier in Tonsupa das gefunden habe, wofür ich hergekommen bin!

