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Europäischer Freiwilligendienst


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Christian in Estland (2006-2007)

In wenigen Tagen werden es exakt drei Monate sein, die ich nun im nordöstlichen Rand Europas verbracht habe. Die Zeit vergeht schnell – ein Zeichen, dass mir definitiv nicht langweilig ist. Im folgenden werde ich über mein Projekt, meine Arbeit und mein Leben als erster ICJA-Freiwilliger in Estland berichten. Maarja Küla Ein kleines Dörfchen ist mein Arbeits- und Lebensort. Gelegen im Südosten Estlands und mitten im Wald, wohnen 18 geistig Behinderte in dem kleinen Flecken. Sie sind alle volljährig. Einige gehen schon auf die Ende Zwanzig zu und sind nicht in der Lage ein Leben selbstständig zu führen. Daher existiert Maarja Küla als Platz zum Leben, indem sie von Assistenten bei den alltäglichen Dingen unterstützt werden. Die Assistenten haben unterschiedliche Hintergründe. Einige haben eine akademische Ausbildung im Bereich der Sonderpädagogik oder Sozialwissenschaften hinter sich, andere sind aus Leidenschaft an der Sache hier. Zu den Assistenten zählen auch wir Freiwillige: derzeit sind es drei, zwei Deutsche, ein Franzose. Die drei Wohnhäuser sind allesamt sehr modern und behindertengerecht und nach dem Land des jeweiligen Lion-Club (eine Art Sponsorenorganisation) benannt sind. Im Durchschnitt bewegen sich ungefähr 40 Leute im Dorf, zusammen mit den Workshopleitern, Assistenten etc. Die direkten Entscheidungen über das alltägliche Leben in Maarja Küla werden immer montags getroffen. Als Freiwilliger ist man im Grunde ein gleichwertiges Mitglied der ohnehin sehr familiären Runde und hat daher auch die Möglichkeit zur organisatorischen Mitgestaltung des Lebens. Jedes Haus hat seinen eigenen Plan- zum Beispiel Küchendienst und ähnliches- was eine sehr lockere Handhabung mit den zwei freien Tagen pro Woche ermöglicht. Im anschließenden Dorftreffen wird die kommende Woche und Allgemeines mit den Inhabitants besprochen. Die Arbeit Mein Leben ist meine Arbeit – so ungefähr könnte man es zusammenfassen. Ziel ist es, die Inhabitants zu unterstützen und nicht, dass die Assistenten alle Arbeit alleine machen. Das ist individuell vom Grad der Behinderung abhängig: Die Dorfbewohner sind in dem Zusammenhang sehr stark durchmischt, es reicht von autistischen Menschen über Menschen mit Trisomie 21 bis hin zu Bewohnern mit eher sozialen Störungen. Zur besseren Organisation aber auch um es den Inhabitants einfacher zu machen, gibt es ein Tagesschema, das einen Rhythmus ins Dorf bringt. In den Werktagen bedeutet das: • Frühstück 8:30 • 9:30 – 11:30 Arbeit (u.a. in Workshops wie Teppiche herstellen) • 11:30 – 12:00 Kaffeepause • 12:00 – 13:30 Arbeit • 13:30 Mittagessen • (der Nachmittag ist jeden Tag anders: Aktivitäten, Einkaufen etc.) • 18:30 Abendessen • 22:00 sollte jeder in seinem Haus sein. Es gibt keine feste Nachtruhezeit; 23:00+ ist mehr oder weniger ungeschriebene Regel. Die Arbeit umfasste bisher zumeist Dinge, die draußen zu erledigen sind, also zum Beispiel im Garten oder im Wald. Unbedingt physisch anstrengend sind sie aber nicht, es ist manchmal eher Beschäftigungstherapie. Da man auch geistig nicht vor hohe Anforderungen gestellt wird. Das hat jedoch auch den Nachteil, dass man sehr schnell müde wird, wenn man die Bewohner mit allen ihren kleinen und großen Problemchen 24 Stunden lang betreuen muss: die Schwierigkeit der estnischen Sprache tut ihr übriges. Am Nachmittag stehen die verschiedensten Aktivitäten an, die sich immer wieder ändern. Reiten und Schwimmen gehören zu den wenigen festen Bestandteilen. Filmabende oder Halloween sind spontane Aktionen, die ein wenig Abwechslung in den Alltag bringen.


Wir trommeln bis uns einer hört.

Das Leben im Nordosten Ohne Frage, es ist um einiges kälter als in Deutschland. Aber es ist nur halb soviel Matschwetter und es weht auch nicht so viel nerviger Wind – daher ist es im November wesentlich angenehmer. Vor einigen Wochen wurde mir stolz von einem Zeitungsbericht erzählt, Estland sei weltweit die Nummer 1 in Sachen Mobiltelefon und Internetnutzung. Dem kann ich nur zustimmen; Deutschland ist diesbezüglich noch reichlich steinzeitlich. In jedem Café und an quasi jeder Ecke befindet sich Wireless-Internet und wenn man durch die Straßen läuft, sieht man unzählige Leute mit einem Handy am Ohr. Aller Modernität zum Trotz, die Wunden der Sowjetzeit finden sich überall. Graue und verschimmelte Trabantenstädte in kommunistischer Blockarchitektur, hin und wieder ein paar alternde und alkoholisierte Verlierer des Umbruchs und mit wenig nachhaltigem Blick gerissene Löcher in die sonst sehr schöne Natur Estlands. Eigentlich gilt in Estland noch die 21-Jahre-Grenze bezüglich des Alkoholkonsums, Discozutritts und so weiter. Aber meistens interessiert das die Menschen hinter der Theke noch weniger als in Deutschland. Es gibt genügend kulturelle Unterschiede zu entdecken. Der größte ist meiner Meinung nach, dass die Esten wesentlich lockerer im Umgang sind als die Deutschen. Mit Schlafsack ausgerüstet findet sich überall eine spontane Unterkunft, und was ich heute nicht schaffe, ist morgen nicht mehr so wichtig. Die stereotype Langsamkeit der Esten mag vielleicht auch daran liegen, dass man sich bei 1,4 Millionen Menschen einfach häufig kennt. Duzen auf der Behörde ist kein Problem und wenn man da vorbeischneit, ist man höchstens zweiter in einer Schlange von zwei. Mein Dorf ist circa 50 Kilometer entfernt von Tartu (Dorpat ist der deutsche Name). Das Städtchen zählt gerade einmal 100.000 Einwohner und ist damit schon die zweitgrößte Stadt des Landes. Als alte Universitätsstadt und Zentrum im Süden des Landes besitzt sie aber die Dynamik einer Großstadt, und gleichzeitig eine sagenhafte Gemütlichkeit. Vollständig in klassizistischer Architektur erbaut, ist Tartu eine Stadt zum Wohlfühlen, die auch nachts viel bereit hält. Die Preise in den Kneipen sind auch längst nicht so hoch wie in Deutschland. Das Land besteht zu knapp 50% aus Wald. Gleich in der Nähe zu Maarja Küla findet sich zum Beispiel Taevaskoja, wo der Ahja- Jõgi (= Bach, Fluss) von Quellen aus dem Sandstein gespeist wird. Streifzüge mit Dorfhund bringen mich immer wieder dazu den Fotoapparat rauszuholen.


....mit Ruhe und Gemütlichkeit.