Claudia in Finnland

Der 4. Oktober war der Stichtag für mein neues Leben und eine große Herausforderung. Wie werde ich klar kommen? Was ist mit der Sprache, der Dunkelheit und der Kälte? Um gleich mal ein bisschen Gewicht im Koffer zu sparen, habe ich erst mal zehn Schichten übereinander gezogen und hatte viel zu tun mit dem wieder Ausziehen, denn auch in Helsinki ist es zu dieser Zeit noch nicht kalt. Die ersten drei Tage durfte ich dann in Helsinki mit einer weiteren Freiwilligen verbringen. Vom ersten Eindruck war es wie in Deutschland, nur die Sprache war wie Chinesisch für mich. Wann kam man vorher schon in Berührung mit dem Finnischen? Aber die meisten Leute sprechen Englisch und es gibt kaum Verständigungsprobleme.

Nach diesen Tagen Touristenleben ging es dann zum On-arrival Training, was der beste Einstieg in dieses Jahr war. Man hat gleich ganz viele nette Leute aus ganz Europa kennen gelernt, weiß, dass man nicht alleine hier ist und hat eine Menge Übernachtungsmöglichkeiten in ganz Finnland. Einfach nur super. Aber wenn ihr denkt ihr seit die/ der einzige Deutsche, dann habt ihr euch gewaltig geirrt, denn wir haben ein Drittel der gesamten Gruppe ausgemacht, einschließlich unserer deutschsprachigen Nachbarländer. Bei diesem Seminar, das „in the middle of nowhere“ stattfand, habe ich auch so richtig den finnischen Herbst mit all seiner Farbenpracht genossen. Ich habe noch nie solche Farben in den Bäumen gesehen, die eine wahre Idylle kreieren. Vor allem, wenn dann die Sauna auch noch am See ist, ist es einfach schön, zwischendrin mal schnell in den kalten See zu springen und dann in die Sauna zurück. Ich kann euch sagen, es gibt nichts Besseres und ihr müsst es unbedingt ausprobieren. Ich werde mich wohl nächste Woche trauen, nach der Sauna zum Eislochbaden zu gehen.

Nach fast zwei Wochen Odyssee konnte ich dann endlich in Richtung neues zu Hause fahren und war schon richtig gespannt. Haben mir die beiden Freiwilligen vor Ort doch nur Positives erzählt. In Seinäjoki wurde ich dann von meiner Mentorin abgeholt und wir fuhren eine knappe Stunde Richtung Lehtimäki. Die Wohnung ist einfach super. Die anderen beiden Freiwilligen haben mich sehr herzlich aufgenommen und mir gleich mal alles gezeigt. Ich war ganz schön beeindruckt, was wir alles machen können. Wir haben Schlüssel für die Schwimmhalle, die Computerräume einschließlich Internet, Bastelwerkstatt, Fitnessraum und die große Schülerküche. Letzte Woche wurde aus dem Sportplatz eine Eishockeyfläche gestaltet, so dass wir ein bisschen Wintersport betreiben können. Da kann einem doch nicht langweilig werden. Die Arbeit mit den hauptsächlich geistig behinderten Menschen macht Spaß und das Arbeitsklima ist gut. Ja, was haben wir zu tun? Es gibt hier ganz viele Kunststunden, was viel über die Schüler aussagt und wo man schnell Fortschritte sieht. Dann gibt es noch Schreibstunden, Lebensbewältigung, Hofarbeit, Physiotherapie, Spaziergänge und meine geliebte Bastelwerkstatt. Da werden viele Holzarbeiten, auch eigene Porzellansachen und Glückwunschkarten produziert. Also für alle Bastelliebhaber ein Paradies. Dann muss man einmal in der Woche in der Küche helfen. Das ist zwar nicht die schönste Arbeit, aber man hat zwischendrin immer mal frei, da es nicht soviel zu tun gibt. Weiterhin gibt es eine ganze Menge an anderen Stunden, wo ich nicht helfen muss, wie therapeutischem Reiten. Finde ich ein bisschen schade, aber vielleicht klappt es ja nach den Weihnachtsferien. Aber das Beste ist, dass ich wohl demnächst die Schulpferde für meine eigene Freizeit nutzen darf und das ist einfach total schön. Denn bei so vielen Mahlzeiten, tut ein bisschen Sport nur gut. Das ist vor allem durch meine Mentorin möglich, deren Familie nun meine finnische Familie ist. Oft sind wir in der Woche bei ihr zu Hause, essen zusammen, schauen DVDs oder schnacken einfach nur. So lernen auch wir Freiwilligen die finnische Kultur besser kennen.

Im allgemeinen sind die Finnen ein sehr gastfreundliches Völkchen. Und wenn man erst mal einen Freund hat, dann für den Rest seines Lebens. Ein weiterer Pluspunkt für Lehtimäki ist, dass man eigentlich gezwungen ist Finnisch zu lernen, da nahezu alle Schüler kein Englisch können und auch die meisten der Lehrer kaum Englisch sprechen bzw. nicht sprechen wollen. Ich finde es gut, auch wenn es zu Anfang etwas schwer sein kann. Aber immerhin gehört die Sprache zu der Kultur und wozu bin ich denn sonst neun Monate in Finnland? Ich merke, dass ich immer mehr Fortschritte mache und erste Gespräche verstehe.

Von Lehtimäki kann man im Winter wohl die Polarlichter sehen und ich freue mich jetzt schon riesig darauf.