Tosan leistete einen Freiwilligendienst als Ersatz für den Zivildienst bei Paris 



Wer sind die coolsten Keksesser im ganzen Land?

Als ich davon hörte, dass man einen Zivildienstersatz im Ausland machen kann, war mir eigentlich klar, dass ich das machen würde. Wo, davon hatte ich allerdings noch keine konkrete Vorstellung, als ich mich beim ICJA bewarb.

Da nämlich die Zivis Anfang August ausreisen müssen, das französische ICYE-Programm aber erst Ende September beginnt, überbrückt man diese Zeit mit Workcamps. In den drei Workcamps, die ich in der Auvergne, einer landschaftlich sehr schön gelegenen Region im Herzen Frankreichs, gemacht habe, beschäftigten wir uns wir in der Regel mit Restaurierungsarbeiten. Zusammen mit einem professionellen Steinmetz renovierten wir beispielsweise eine Brückenmauer aus dem 12.Jahrhundert.
Am 25.9. ging es dann in mein Projekt. Ich hatte erst drei Tage vorher erfahren, dass ich den Rest meines Jahres in einer Emmausgemeinschaft in Le Plessis-Trévise verbringen sollte. An dieser Stelle eine kleine Intervention für all die Leute, die sich immer so darüber beschwerten, dass sie erst so spät von ihrem Projekt erfahren: Nehmt es als Teil der Erfahrung. Ihr könnt euch sowieso erst vor Ort darauf einstellen und es ist letztendlich egal, wo ihr hinkommt, es gehört dazu, dass ihr das Beste daraus macht!
Alain, mein zukünftiger Chef, nahm mich in Empfang und zeigte mir die Communauté. Dann bekam ich meine Zimmerschlüssel und war erst mal auf mich allein gestellt. Das war doch irgendwie ein harter Moment, weil mir nach den spaßreichen letzten zwei Monaten die Situation auf einmal unverhältnismäßig ernst zu werden schien. Also habe ich erst mal einen Spaziergang zum örtlichen Fußballverein unternommen, mich vorgestellt und am nächsten Tag war ich zum ersten Mal beim Training. Das hat mich dann wieder aufgemuntert und so nach einer Woche hatte ich mich einigermaßen eingewöhnt. Am Wochenende habe ich mich dann mit sechs anderen Freiwilligen in Paris getroffen und festgestellt, dass ich eigentlich ganz schönes Glück hatte, in dieser tollen Stadt gelandet zu sein.


Meine Emmausgemeinschaft bei Paris

Viele von euch werden sich vielleicht gefragt haben, worum handelt es sich eigentlich bei diesen Emmausgemeinschaften, deshalb hier ein kleiner Einblick in die Geschichte:
1949 gab es einen Mann in Paris, George, der seinen Vater umgebracht und deswegen 20 Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte. Wieder freigelassen, wurde er von der Familie verstoßen und fand keine Arbeit mit dieser Vergangenheit. Ganz vereinsamt, wollte er Selbstmord begehen, bekam aber den Ratschlag sich an Abbé Piere zu wenden, damals noch Abgeordneter in der Assemblée National. Abbé Pierre öffnete ihm die Tür und sagte, dass er ihm zwar nicht helfen könne, dass er, George, aber ihm helfen könne anderen zu helfen. Auf diese Weise wurde George der erste Kompagnon der Emmaus-Bewegung. Es gesellten sich schnell noch andere Menschen mit ähnlichen Schicksalen dazu, so dass später 50 Leute in Abbé Pierres Haus wohnten. Um sie zu ernähren, ging Abbé Pierre abends, ohne dass seine Kompagnons davon wussten, bei den großen Pariser Restaurants betteln.
Eines Abends sah ihn jedoch ein Kompagnon dabei und er kehrte zurück und sagte, dass kann doch nicht sein, wir müssen selber etwas für einander tun. Dann hatte einer die Idee, alte Sachen einzusammeln und wieder aufzubereiten. So kam Emmaus dann richtig in Bewegung und es wurden schnell andere Gemeinschaften gegründet. Heute sind es ca. 120 Gruppen in Frankreich und 400 in der ganzen Welt; Paris hat allein 10.

Meine Gruppe ist die erste, die Frauen beherbergte. Sie wurde in einem sehr kalten Winter 1954 gegründet, in dem viele Leute erfroren. Abbé Pierre sah ein Kind erfrieren und da war für ihn klar, dass er etwas dagegen tun musste. Also kaufte er den alten Jagdpavillon eines ehemaligen Generals von Napoleon, in dem ein Emmaus für Frauen und Kinder gegründet wurde. Zusätzlich dazu ließ er auf dem Gelände 200 Notunterkünfte errichten, um möglichst viele Menschen vor dem Kältetod zu retten.
Das Emmaus wurde von einer Freundin Abbé Pierres geleitet und lief auch bis zu ihrem Tod gut. Danach aber bekam es ökonomische Schwierigkeiten, weil Frauen zur damaligen Zeit nicht die gleichen Möglichkeiten besaßen wie Männer. Sie hatten größtenteils keine Führerscheine und waren auf die Dinge angewiesen, die ihnen gebracht wurden, während die Männer herum fahren und Gegenstände einsammeln konnten.
Man dachte schon daran, das Emmaus zu schließen, entschloss sich dann aber das Problem zu lösen, indem es in eine gemischte Gemeinschaft umgewandelt wurde. Von da an nahm man auch auch Männer auf.
Es ging bergauf und heute beherbergt die Communauté Le Plessis-Trévise ca. 40 Menchen und macht 700000 € Umsatz bei 5% Wachstum pro Jahr.

Die Kompagnons sind alle freiwillig hier und bleiben im Schnitt 3-5 Jahre. Das Geschäft besteht aus einer großen Halle. Ess wird praktisch alles verkauft: Bücher, Möbel, Geschirr, Kleider, Elektronik, Filme, CDs, Schallplatten, Spielsachen, Schmuck, Wäsche, Küchengeräte und vieles mehr. Dann werden die Gegenstände billig weiterverkauft, was Emmaus für Kunden attraktiv macht.

Da viel Geld eingenommen wird, betätigt sich meine Emmausgemeinschaft in verschiedenen sozialen Projekten. In Burkina Faso, wohin wir regelmäßig Container mit Kleidung und Haushaltsgeräten schicken, mit Zigeunern aus Rumänien, und verschiedenen anderen kleinen Projekten. Außerdem können jeden Tag Obdachlose zu uns kommen und bei uns duschen, essen und sich einkleiden.

Ich mache sehr unterschiedliche Dinge, da die Arbeit bei Emmaus darin besteht, die Waren, die uns die Leute geben, verkaufstauglich zu machen, mit einem Preis zu versehen, ins Geschäft zu bringen und zu verkaufen. Das beinhaltet sehr vielfältige Prozesse. Vor allem gilt es aber zu begutachten und auszuwählen. Bei den Kleidern zum Beispiel, muss man gucken, ob sie dreckig, abgenutzt, nicht mehr der Mode entsprechend oder kaputt sind. Wenn nicht, hängt man sie auf einen Bügel zu den Kleidungsstücken der entsprechenden Gruppe. Bei den Spielwaren muss man alles ausprobieren (was ich besonders gerne mache) und dann ansprechend einpacken. Bei den Möbeln gilt es, sympathische Ecken einzurichten, so wie bei Ikea.


So sieht mein Spielplatz aus - ausprobieren, reparieren, verpacken