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Matthias in der "Lovedale-Foundation", Indien (2011/2012)
„Wie bitte? Du bist schon seit sechs Monaten hier? Und du bleibst noch weitere sechs Monate? Das ist ja eine ziemlich lange Zeit.“ - Das meinte kürzlich ein Inder zu mir, als er unser Projekt besuchte. Natürlich hat er Recht. Ein Jahr ist eine lange Zeit, insbesondere wenn man gerade erst einmal 19 Jahre alt ist. Aber zwischen lange und langweilig und besteht ein himmelweiter Unterschied, den ich hier mehr als einmal erleben durfte. Nun ist Halbzeit in meinem Jahr in Indien und es ist an der Zeit, einen Blick auf die vergangenen sechs Monate auf meine gegenwärtige Situation und nicht zuletzt auf die noch kommenden sechs Monate zu werfen.
Die größte Veränderung im Vergleich zu den Vormonaten stellt definitiv der Umzug der Lovedale-Foundation in ein neues Gebäude dar. Konkret heißt das, dass die 19 Heimkinder seit Anfang Dezember in einem mindestens dreimal so großen Gebäude inklusive Computerraum (allerdings noch ohne Computer), Musikzimmer, Bibliothek, anständigen Bädern, usw. wohnen. Die Freiwilligen sind nicht in das neue Gebäude umgezogen, was sowohl Vor- und Nachteile hat. Zum einen haben wir im Vergleich zu früher nun mehr Ruhe, da die Kinder nicht mehr ständig zu unserem Haus kommen, andererseits sind wir einfach weiter weg vom ganzen Geschehen. Den Kindern gefällt es aber auf jeden Fall in ihrem neuen Zuhause und darauf kommt es schließlich an.
Wenig Tage nach dem Umzug kam auch eine neue Heimleiterin in das neue Gebäude. Es wäre unfair zu sagen, dass es für sie einfach war, schließlich kam sie in eine Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, dennoch wäre es ebenso eine Lüge zu sagen, dass die Kommunikation zwischen ihr und den Freiwilligen immer wunderbar und ungestört ist. Es kommt hin und wieder zu Missverständnissen und Spannungen, aber wir alle hoffen, dass all dies in der nächsten Zeit, wenn sich alle aneinander gewöhnt haben, vorbei sein wird.
Im meinem zweiten Arbeitsfeld, dem Unterrichten an der St. George High School, lässt sich mein Ziel für dieses Schuljahr (das im April enden wird) schon präziser formulieren: Keines der 42 Kinder in meiner Klasse soll durchfallen, sprich mehr als 20 Punkte in den Final Exams erzielen. Seit ca. zwei Wochen läuft in der Schule alles auf diese Abschlussprüfungen hinaus, es wird nur noch Lernstoff wiederholt und nichts Neues unterrichtet.
Eine weitere wertvolle Erfahrung für mich waren die „Parents-Teacher-Meetings“. Die Eltern, zumindest einige, leider nicht alle, kommen an diesen Tagen in die Schule, holen die Zeugnisse ab und besprechen mit den Lehrern die Leistungen und Probleme ihrer Kinder. Zum Einen kam ich mir etwas seltsam vor, weil ich als neunzehnjähriger Freiwilliger, der noch nicht einmal die lokale Sprache spricht, auf einmal Eltern erklären soll, warum ihr Kind keine guten Noten schreibt. Ziemlich viel Verantwortung für einen nicht professionellen Lehrer. Glücklicherweise hatte ich eine andere, erfahrene Lehrerin gebeten (bzw. hatte sie mir, kaum hatte ich das Thema auch nur erwähnt, schon angeboten, mir zu helfen), mich zu unterstützen und sie hat mir wirklich den Großteil der Arbeit abgenommen, insbesondere da sie Kannada spricht und ich nicht. Dieses spezielle Erlebnis lässt im Übrigen auch gut verallgemeinern: Ich kann mich an keine schwere Situation erinnern, in der ich wirklich alleine war. Immer war jemand da, ob Inder oder ein anderer Freiwilliger, um mir zu helfen.
Egal an welchem Ort man ist, das persönliche Wohlbefinden hängt natürlich immer sehr davon ab, welche Menschen man trifft. Gerade unser Projekt ist in dieser Hinsicht sehr gut: Neben Martin und mir sind im Durchschnitt immer ca. vier weitere Freiwillige da und zwischen einigen und mir hat sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Auch das hat natürlich wieder eine Kehrseite, das diese Freiwilligen immer nur für ein, zwei Monate bleiben und dann wieder gehen, so dass man sehr oft für eine unbestimmte und möglicherweise lange Zeit Lebewohl sagen muss. Aber ich habe mir fest vorgenommen, in den nächsten Jahren alle einmal zu besuchen. Und die Erinnerung an die gemeinsame Zeit wird immer eine sehr gute sein.
In den ersten Monaten, als ich hier ankam, habe ich vollkommen unbewusst, immer Indien mit Deutschland verglichen. Inzwischen habe ich realisiert, dass man Birnen und Äpfel einfach nicht vergleichen kann. Natürlich sind beides Früchte und natürlich sind Deutschland und Indien beides Länder, in denen Menschen wohnen, aber da hört die Gemeinsamkeit schon auf. Größe, Geschichte, Geographie, Kultur etc. alles ist so unterschiedlich, dass man keinen vernünftigen Vergleich anstellen kann und auch nicht sollte. Aber, und das ist vielleicht die positivste Erkenntnis meines Freiwilligendienstes, trotz all dieser Unterschiede ist es für mich möglich, hier in Indien zu leben und zu arbeiten, trotz all dieser Unterschiede heißen die Menschen mich hier willkommen. Das macht dieses Jahr so besonders.
Für die zweite Hälfte steht, neben einer großen Anzahl von Unbekannten, als nächstes die Beendigung des laufenden Schuljahres an, inklusive den Abschlussprüfungen. Anschließend zwei Monate Schulferien, in denen ich ca. zwei Wochen mit einem Freund aus Deutschland den Norden Indiens erkunden werde. Wenn die Schule im Juni wieder beginnt, sind es nur noch zwei Monate bis ich in ein Flugzeug Richtung Deutschland steigen werde, dann mit der Gewissheit, ein ganzes Jahr in Indien als Freiwilliger verbracht zu haben.
Ruth in Indien
Ein halbes Jahr bin ich nun schon hier im schönen südindischen Mysore. Bei meinem Freiwilligendienst hier habe ich sehr viel Neues erlebt und gesehen. Ich habe mich viel mehr an die Kultur und die Gewohnheiten meiner Familie angepasst. Es fühlt sich so an, als lebe ich richtig in Indien.
Pratham - NGO
Jeden Morgen düse ich mit meinem „Scooty“ nach Rajunnagar in die Vorschule und freue mich von den Kindern voller Freude mit einem lauten „Good morning, Miss!“ empfangen zu werden. Es läuft eigentlich immer alles wie am Schnürchen, denn seitdem ich einen festen Stundenplan gemacht habe, gibt es einen guten Rhythmus zwischen den Kindern und mir. Der „Hit“ des Tages ist es dann immer, wenn sie zur Pause „January, February, March,...“ singend von dem kleinen Raum, in dem ich unterrichte, in den großen tanzen!

„Balwadi“ - Vorschul-Projekt in den Slums
Ein kleines Wunder war für mich, als ich ihnen Karten mit „Vegetables“, „Vehicles“, „Fruits“, „Animals“ und „Insects“ gebastelt habe, und sie es erstaunlicherweise sehr gut geschafft haben, in Dreiergruppen friedlich zusammen zu arbeiten. Anfangs fiel es ihnen schwer, sich selbst in Ruhe mit einem Material zu beschäftigen. Oft versuche ich es mit Alternativen, ihre Aufmerksamkeit mit einem neuen Spiel, Song oder Material für mich zu gewinnen. Es macht mir sehr viel Spaß macht und ich denke, die Kinder genießen es ebenso. In der Gegend bin ich schon lange bekannt und genieße es, mich morgens und mittags von winkenden Kindern und lächelnden Menschen grüßen zu lassen. So fühle ich mich jeden Tag auf’s Neue sehr willkommen. Ebenso ist es auch bei der Familie, in der die Schule stattfindet. Seitdem ich da bin, habe ich mit allen Familienmitgliedern zu tun und wir verstehen uns sehr gut. Dazu gehören die Lehrerin, Mrs. Shaheen, ihr Mann, ihre Tochter Nikhat und ihre drei Söhne, von denen einer behindert ist und mir des öfteren Kusshändchen zuwirft.Letztes Wochenende war eine Feier bei ihnen zu Hause und ich wurde eingeladen. Das Highlight für mich war es, das erste Mal einen „Sari“ getragen zu haben, es fühlt sich so gut an, fast ein bisschen königlich.
Library-Project
Nachmittags arbeite ich im Pratham-Büro mit „Government-School“ Kindern. Vor einiger Zeit hat Pratham kleine Büchereien für Kinder eröffnet, um ihnen den Zugang zu kostenlosen Büchern zu ermöglichen. Es ist eine großartige Sache und die Kinder lernen Lesen lieben, auch in ihrer Freizeit. In die Bibliothek im Büro kommen ca. 15-20 Kinder. Mit diesen mache ich jeden Nachmittag eine Lern-, Spaß-, Spiel- und Tanzstunde. Sie sind im Alter von 7-13 Jahren, kommen aus eher ärmlichen Verhältnissen und erhalten eine weniger gute Schulbildung. So verständigen wir uns auf English und Kannada, die Lokalsprache in Karnataka, dem Bundesstaat hier.
Am Anfang klappte es ziemlich gut, die Kinder waren unglaublich euphorisch, haben mich mit offenen Armen empfangen und in ihr Herz geschlossen - wie ich auch sie. Wir verbringen entspannte, aber auch manchmal sehr stressige Stunden miteinander.
„True Education” und „Knowledge Bridge”
Pratham hat auch noch andere „on-going programs“, darunter diese beiden, an denen auch ich, als Freiwillige, teilnehme. In „True Education“ geht es die Vermittlung von tief in die Wurzeln gehender Bildung, aber das Projekt ist zur Zeit noch nicht sehr erfolgreich. „Knowledge Bridge“ hingegen läuft großartig! Wie der Name schon sagt, soll eine Wissensbrücke geschaffen werden, über die Menschen die Bildung haben sie an Menschen mit weniger Bildung weiter geben können. Pratham schafft dafür die Plattform. Praktisch sieht das dann folgendermaßen aus:
Jeden Samstag Nachmittag fahren ein paar Freiwillige von Pratham inklusive „staff“ in die Vororte von Mysore, die meist Slums sind. Dort hat Pratham mehrere kleine Büchereien und in diesen versammeln sich dann Kinder im Alter von 10-15 Jahren. Wir gestalten meistens eine Präsentation über ein interessantes Thema, wie „Solar Systems“, „Drinking Water“, oder „Wildlife“, oder auch soziale Einheiten über „Caring & Sharing“. Die Kinder werden von uns nach ihren Interessen gefragt und dann wird über die nächste Sitzung entschieden.
Es soll nicht nur Wissen vermittelt werden, sondern auch Bewusstsein für sich selbst und seine Umwelt geschaffen werden. Zum Beispiel: sparsam mit Trinkwasser umgehen, die Umwelt rein halten, sich vor der Sonne schützen und Abgase einzusparen. Es ist großartig zu sehen, wie die Kinder sich jedes Mal über uns freuen und interessiert bei der Sache sind. Mir macht es Spaß, mit den anderen Freiwilligen im Team zu arbeiten und Teil eines großartigen Projekts zu sein. Ich plane gerade eine „Session“ über „Weather“ und nächste Woche veröffentlichen wir einen Artikel in der Lokalzeitung. Ich freue mich auf weitere Stunden und bin gespannt, wie „Knowledge Bridge“ sich weiterhin ausbreitet.
Montessori
Ich hatte mir schon länger überlegt, einmal eine Montessori Vorschule zu besuchen, um einen Einblick in die Montessori Pädagogik zu bekommen, besonders auch als eigene Inspiration für meine Arbeit mit den Kindern. In Indien gibt es viele Montessori Schulen, da Maria Montessori längere Zeit hier gelebt und gearbeitet hat. Ich habe mich umgeschaut und eine schöne Schule in meiner Nähe gefunden. Die Direktorin hat mir von der Möglichkeit erzählt, ein Internationales Montessori Lehrer Diplom zu machen. Davon war ich hellauf begeistert und habe mich mittlerweile dafür entschieden. Es macht mir unheimlich viel Spaß und ich bin immer wieder begeistert von der Montessori Methode, Pädagogik und Praxis. Im Juli werde ich mein „Final Exam“ schreiben. Dann werde ich hoffentlich ein internationales Montessori-Diploma erhalten, mit dem ich fast überall auf der Welt eine eigene Montessori Vorschule eröffnen kann.
Leben in Mysore
Mysore ist wunderbar, ich genieße mein Leben hier in vollen Zügen. Ich habe meine Arbeit, die ich liebe, fühle mich unheimlich frei in dieser tollen, so ausgeglichenen indischen Stadt, bin so lässig mobil mit meinem „Scooty“ und habe schon sehr gute Freunde gefunden. Ganz ehrlich, ich hätte nichts, über das ich mich ernsthaft beklagen könnte. Der Ausgleich zwischen Arbeit, Vergnügen, Kultur, Abenteuer (...) stimmt auf ganzer Linie. Ich merke auch, wie Indien mich einfach glücklich macht und mir andere Werte beibringt, die mir gefallen. Materielle Dinge erscheinen einem unwichtig; das Wesentliche tritt viel mehr in den Vordergrund.
Familie
Mittlerweile ist es so, dass jeder in der Familie seinen Alltag hat und wir nicht immer sehr viel Zeit miteinander verbringen können. Doch dann gibt es Tage, an denen Hanna (auch deutsche Freiwillige), mit der ich oben auf dem Dach wohne, Appa, Amma, unsere Gasteltern, und ich im Esszimmer gemeinsam am Tisch sitzen und uns so schön unterhalten. Über Indien, unser Studium, wann wir wieder kommen und ob Amma und Appa denn nicht einen „suitable husband“ für uns finden sollten (lieber nicht!). In der Familie lerne ich viel über die Kultur und Traditionen und durch die Gespräche habe ich eine gute Beziehung zu meiner Gastfamilie aufgebaut.
Für zwei Tage war ich auf ein traditionelles Festival eingeladen, wo ich Männer über Feuer laufen, indisches Theater, „Classical Dance“ und verrückte Schwertkämpfe gesehen habe. Der Höhepunkt war das Treffen mit dem Swamiji, ein religiöses Oberhaupt, dem auch unsere Gastfamilie angehört. Dieser Ausflug war ein einmaliges Erlebnis den er hat mir ganz andere Einblicke in das indische Leben ermöglicht.
Anfang dieser Woche war Holi-Festival, das Farbenfest. Eigentlich wird es nur in Nordindien gefeiert, aber Paul (ein anderer Freiwilliger) und ich haben uns in Mysore auf die Suche gemacht und eine Rajasthani-Community gefunden, die uns dann völlig in Farbe getaucht hat. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht! Noch lange könnte ich von meinem Leben im „Incredible India“ erzählen. Das Wichtigste ist, dass es mir sehr gut geht und ich mich auf ein weiteres halbes Jahr freue.
Rika in Indien (2006-2007)

Leider habe ich es in letzter Zeit nicht mehr so oft zum Internet geschafft. Ich denke, dass das jetzt die Regel werden wird.
Ich habe vor ca. 3 Wochen in mein neues Projekt gewechselt. Es ist eine oder eher drei Schulen die von der YovaLok Foundation geleitet werden. In diese Schulen gehen Kinder aus ärmeren Verhältnissen und aus den Slums. Wir haben einen Schulbus, der einige der weit weg wohnenden Kinder morgens einsammeln kann und nach der Schule wieder wegbringt. Mit mir haben in der Schule bis letzte Woche noch vier andere Freiwillige gearbeitet. Mein Hauptaufgabenfeld besteht aus dem Unterrichten. Am Anfang war das eine ganz schön harte Sache. Die meisten Kinder kommen aus den Slums und haben daher nicht gerade Vorzeigebenehmen, und wenn dem einen was nicht passt, wird dem anderen einfach kurzerhand mal eins aufs Maul gegeben. Gequatscht wird natürlich auch unentwegt, und wieso soll man einem Lehrer überhaupt zuhören. Ich glaube, ich kann die Lehrer jetzt doch ein bisschen besser verstehen meine, dass ich nicht gerade eine der angenehmsten Schülerinnen war. Aber es gibt natürlich auch fleißige Kinder. Insgesamt kann man sagen, dass die Kinder einfach alle unterschiedlich sind. Daher ist es eine Herausforderung, den Unterricht so zu gestalten, dass jedes Kind etwas davon hat.
Ein Erlebnis war für mich besonders schön. In einer fünften Klasse habe ich einen Jungen, der sich nicht gerade gut konzentrieren kann und eigentlich immer nur rumhampelt und somit die anderen ablenkt. Jetzt ist er zuständig für meine Bleistifte, Radiergummis und Anspitzer, die ich zu Beginn des Unterrichts auslege. Er passt auf, dass sie gerecht verteilt werden und alles wieder zurückkommt. Seitdem hört er auf mich, lenkt nicht mehr ab und weicht kaum noch von meiner Seite. Letztens hat er vergessen, mir einen meiner Radiergummis wiederzugeben. Da kam er später in meinen Unterricht in eine 2. Klasse und hat ihn mir wiedergegeben. Das hat mir gezeigt, dass die Kinder durchaus zu fairem Verhalten fähig sind.
Im Moment ist es manchmal noch etwas chaotisch, da die Schule an der ich arbeite, alle ihre Fächer in Kannada unterrichten muss (außer natürlich das Fach Englisch) und dadurch hat sich die Arbeit für mich etwas reduziert. Aber im neuen Jahr bekomme ich wahrscheinlich eine eigene Klasse an einer der anderen Schulen, in denen man noch komplett in Englisch unterrichten kann.
Ansonsten fahre ich diese Woche Donnerstag nach Kerala mit eine Freundin und werde dort ein paar andere Freiwillige treffen.

Es gibt viel zu bereisen in Indien...
...und viel zu sehen.

