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Andreas in Island (2005-2006)
Sæl og blessuð kæri ICJA-team,
„Hi“ gesagt auf Isländisch, um gleich mal zu belegen, dass ein paar Brocken dieser außergewöhnlichen Sprache ihren Weg in mein Sprachzentrum gefunden haben. Jetzt habe ich mich doch auch mal durchgerungen, ein paar Zeilen aus dem Eisland zu schreiben. Hier ist im Moment alles sehr gut und läuft nach einigen Startschwierigkeiten voll nach Plan. Als ich auf eigenen Wunsch hin nach Ankunft und Einführungscamp auf einem Bauernhof ca. 100 km von Reykjavík entfernt platziert wurde, war meine Motivation so ziemlich auf dem Höchstpunkt. Endlich mit der Arbeit beginnen und die sagenhaften, landschaftlichen Eigenheiten erforschen können! Leider hatte der Bauer eine sehr eigene Interpretation von Freiwilligenarbeit und ich war von morgens um 7 bis abends um 20 Uhr bei der Arbeit; meist allein und draußen, beim berühmten, dauerhaften isländischen Regen. Da ich in dieser Zeit kaum ein Wort mit einer Menschenseele sprach, hat sich leider nicht das erwünschte Gefühl der Ausgeglichenheit eingestellt. Vielmehr fühlte ich mich ausgebeutet und isoliert, so dass ich im November ICYE-Iceland kontaktierte und um einen Projektwechsel bat. So kam ich nach Reykjavík, ins gesellschaftlich- kulturelle Zentrum des Landes, in eine großartige Gastfamilie, ein interessantes Projekt und eine neue Umgebung.
Ich arbeitete in der Kaffistofa (Kaffestube) Samhjálp (sam: Gesellschaft, hjálp: Hilfe), einen Ort, wo die Armen und Obdachlosen der Stadt zu Kaffee und Brot zusammenkommen und gemeinsam den Kapitalismus verfluchen. Hierbei ist anzumerken, dass der Begriff "arm" im isländischen Wohlfahrtsstaat relativiert werden muss (Island ist das 5. oder 6. reichste Land der Welt, Arbeitslosenquote 2,3%). Die meisten jener Seelen, die in die Kaffistofa kommen, hatten zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens den Weg zu Alkohol und / oder Drogen gefunden, was den gesellschaftlichen Abstieg zur Folge hatte. Viele sind Akademiker, ausgestattet mit mehreren PhDs. Einige sind Kriminelle, Drogendealer oder Gewaltverbrecher. Dies war nach der Abgeschiedenheit für wahr eine radikale Veränderung. Meine Aufgabe war es nun, die Gäste nach ihrem Befinden zu fragen, sie mit Kaffee, Brot und, am Ende des Tages, einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Natürlich fand ich zu einigen eher Zugang als zu anderen, zumal die Isländer generell eher mürrisch und grummelig sind. Dennoch war die Arbeit dort ein Heidenspaß, weil im Starfsfolk-Team immer viel gescherzt wurde. Meine Isländisch-Kenntnisse haben sich während der harten Wintermonate deutlich verbessert, was zweifellos der neuen Wohn- und Arbeitssituation in Islands Hauptstadt zu verdanken ist.
So soll es aber noch nicht enden, denn eine weitere Veränderung steht ins Haus. Nachdem der kräftezerrende isländische Winter überwunden war und wir das Mid-Year-Camp überlebt hatten begann ich am Montag den 13. März eine neue Projektarbeit. Mein Weg führte mich aus Reykjavík hinaus in Richtung Norden auf die Peninsula Snæfellsness, die mit dem krönenden Abschluss des Snæfellsjökull (eines erloschenen Vulkans, der seit der letzten Eiszeit ein Gletscher ist), einen der landschaftlichen Höhepunkte Islands ausmacht. Der Gletscher erlang auch literarische Berühmtheit, denn in Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" bildet er den Eingang in das Erdinnere.
Im kleinen Dorf Grundarfjörður (www.grundarfjordur.is) durfte ich dann die nächsten Monate verbringen um im lokalen "Sögumínjasafn" (Geschichtszentrum- und Museum), an das eine Jugendherberge für Kinder angegliedert ist, zu arbeiten. Da jenes Projekt noch in der Entstehungsphase ist und ich der erste Freiwillige war, der dort arbeitete, wusste ich noch nicht genau, was mich erwartete. Isländer sagen in jener Situation: "Það kemur í ljós" (das kommt ans Licht). Dennoch war ich sehr neugierig und freute mich auf Grundarfjörður.
