Ryan leistete einen Freiwilligendienst als Ersatz für den Zivildienst in Italien



Das links bin ich auf dem Vorbereitungsseminar

Ich landete um etwa 13 Uhr am Mailänder Flughafen Malpensa. Von dort aus gibt es eine gute, jedoch teure Verbindung zum Mailänder Hauptbahnhof per Bus. Von hier ging es dann weiter nach Turin, zum Bahnhof „Porta Susa“. Auf den Zug wartend, wurde ich direkt mal von einem Taxifahrer gefragt, ob ich denn umziehe. Das fragte er zu Recht, da ich schätzungsweise 5 Taschen plus Gitarre mit mir rumtrug. Nach der Unterhaltung, in einer Mischung aus Englisch-Spanisch-Deutsch, fuhr ich dann weiter nach Pinerolo. Sara, die Projektkoordinatorin des italienischen ICYE, holte mich zusammen mit einer deutschen Freiwilligen und meinem Tutor Roberto vom Bahnhof ab.

Das Asilo Valdese ist ein Altersheim in Luserna San Giovanni. Die Wohnung der Freiwilligen befindet sich etwa 500 m davon entfernt. Luserna selbst ist ein Dorf, etwa 12 km entfernt von Pinerolo, der nächstgrößeren Stadt und etwa 50 km westlich von Turin in einem Alpental, dem Val Pelicce.
Am nächsten Morgen war dann zum ersten Mal arbeiten angesagt. Um 11 Uhr, also nach italienischer Zeitrechnung um halb zwölf, holte mich Roberto zuhause ab. Wir fuhren zum Asilo. Dort angekommen wurde mir dann bewusst, dass es ein Altersheim war, in dem ich nun arbeiten sollte. Es war Mittagszeit, und so zeigte mir Roberto einige Patienten, die gefüttert werden müssen, und einige, die gerade gefüttert wurden. Ehrlich gesagt sah das für mich in diesem Moment nicht gerade animierend aus.
Danach ging es dann direkt zur Mensa, Mittagessen für die Belegschaft. Nun, „cucina italiana“ gibt es im Asilo nicht gerade. Die Mitarbeiter essen dasselbe wie die Patienten. Da das Asilo ungefähr 120 Leute beherbergt, kommt das Essen aus einer Großküche. Kurz gesagt: Es ist nicht immer schlecht aber könnte besser sein. Aber genug davon. Nach dem Essen war ich mit Roberto in seinem Büro verabredet. Dort bekam ich 1.Eine Mappe voller Karten der Umgebung, ein Buch über die Gemeinschaft der Valdenser, der protestantischen Minderheit in Italien, die im Val Pelicce ihren Hauptsitz hat sowie meinen Freiwilligenausweis und 2. meinen Arbeitsplan.
Der Freiwilligen-Arbeitsplan im Asilo Valdese ist in zwei Schichten aufgeteilt. Die Frühschicht von 8 Uhr bis 15 Uhr, in der man hauptsächlich der Physiotherapeutin bei ihrer Arbeit assistiert und die Spätschicht von 11 Uhr bis 18 Uhr mit der Hauptbeschäftigung Animation (Kartenspielen, Tombola, Bingo, Singen, Stricken, Nähen).
Ich wurde glücklicherweise in die Frühschicht eingeteilt. Danach konnte ich nach Hause fahren, aber nicht bevor ich vom sehr netten Hausmeister Walter noch ein Fahrrad bekam.
Und so konnte ich ein bisschen in der wirklich schönen Gegend rumfahren. Die umliegenden Alpen bieten einen phänomenalen Ausblick. (Ändert aber nichts daran, dass Fahrradfahren in den Bergen sehr anstrengend ist.)
So kam ich dann an jedem Morgen gegen halb neun zur Arbeit, fütterte zwei ältere Menschen zum Frühstück. Dann ging es im hauseigenen Van Patienten für die Tagespflege abholen, dann selbst Frühstücken, in den Gymnastikraum, mit dem Einen oder Anderen ein paar Übungen machen, die die sehr nette Physiotherapeutin gezeigt hatte. Beim Mittagessen fütterte ich zwei Senioren. Nach dem Essen ging es noch mit zwei, drei Patienten spazieren und dann war ich fertig.
So liefen meine Arbeitstage in den ersten zwei Monaten ab. Sehr schön war es zu sehen, wie zum Beispiel Schlaganfallpatienten Fortschritte machten und langsam wieder laufen konnten oder einen gelähmten Arm mit jedem Tag wieder besser bewegen zu können.

Was das soziale Leben angeht, so wurde ich nach kurzer Zeit von einer Mitarbeiterin zum Grillen eingeladen und erlebte einen wirklich sehr lustigen Tag in den Bergen mit vielen Leuten und einem 100 kg schweren Spanferkel. So lernte ich dann einige Leute aus dem Dorf und dem Nachbardorf kennen. Bei einem Spaziergang im Nachbardorf Torre Pelicce lernte ich auch ganz zufällig andere deutsche Freiwillige kennen. Im Val Pelicce gibt es jede Menge Freiwillige. Das hängt damit zusammen, dass hier der Stützpunkt der Valdenser ist. Darüber hinaus gibt es in Luserna und Torre unglaublich viele soziale Einrichtungen, die immer gerne Freiwillige beherbergen.
Kurz darauf fuhr ich mit meiner Mitbewohnerin Katharina zum AFSAI OnArrival Training nach Rom. In einem Dörfchen, in der Nähe von Rom war es große Klasse und jeder, der sein FSJ in Italien macht, kann sich besonders auf dieses OnArrival Training freuen. Nach dieser Zeit kannte ich noch mehr Freiwillige im Norden von Italien, die ich bis zum Ende des Jahres mit zwei anderen Freiwilligen aus Turin besuchte.

Die Arbeit fiel mir mit der Zeit immer leichter. So wurde zum Beispiel das Füttern älterer Menschen, das mir zu Anfang ziemlich schwer fiel immer einfacher und normaler. Ich konnte über die besser werdende Sprache ein Verhältnis zu ein Paar Patienten aufbauen. Ich lasse mir bis jetzt noch gerne Geschichten von ihnen erzählen. Da sammelt sich so einiges an, wenn man z.B. 1911 geboren wurde. Ich lernte auch mit den teilweise etwas gefährlich, da ein wenig verrückt wirkenden Gästen, umzugehen. Es ist sehr hilfreich, wenn man Jemanden in seiner eigenen Sprache beschwichtigen kann, welcher denkt, dass gleich der „Feind“ einmarschiert und dabei leicht panisch wird.

Das einzige Problem ist eben, dass Italien nicht gerade billig ist. Zwar ist Zug fahren beispielsweise nicht teuer, dafür aber das Bier in der Kneipe. Außerdem ist die Infrastruktur leicht verwirrend und zeitweise unzuverlässig. So muss man, wenn man am Wochenende abends nach Turin fährt auch die ganze Nacht da verbringen. Doch hat auch das Tal und die Umgebung einiges an Freizeitaktivitäten zu bieten. Es gibt Fußball- und Volleyballvereine, ein Schwimmbad, eine Turnhalle, ein Fitnessstudio, eine Kletterwand und eine Eishalle in der Eishockey gespielt wird. Turin will mehr Touristen anziehen. Deswegen gibt es mindestens einmal jeden Monat ein großes Fest. Die Anlässe dazu scheinen sich die Stadtväter jedoch aus den Fingern zu saugen. Momentan ist es die „Universade Torino 2007“. Also die Olympiade der Universitätsmannschaften. Das offizielle Eishockeystadion dazu ist übrigens die Eishalle hier in Torre.