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Andreas berichtet über seinen Freiwilligendienst
Ich bin jetzt seit Donnerstag in meinem Zuhause in Migori. Ich wohne auf einer Farm, einem von Hecken umzäunten, ca. 90 qm großem Grundstück, von Mais und Zuckerrohrfeldern umgeben. Hier gibt es keinen Strom und auch kein fließend Wasser. Ich trinke Regenwasser, meistens jedoch abgekocht über dem Feuer in einer Art offenen Kamin. Schmeckt eigentlich ziemlich gut.
Die Dusche und das WC sind sehr einfach. Zum Duschen gehe ich in einen kleinen, ca. zwei Dixi-Häuschen großen Betonraum außen auf dem Gelände; im Boden ist ein kleines Loch. Dann nehme ich eine mit ebenfalls über dem Feuer erwärmten Wasser gefülllte Wanne und gieße mir das Wasser mit den Händen oder einem Becher über den Körper. Eigentlich ziemlich gemütlich, ich mache das meistens wenn es schon dunkel ist, was die Sache etwas schwieriger macht.
Die Toilette befindet sich in einem etwa identischen Raum direkt neben der Dusche und besteht aus einem Loch im Boden mit zwei Trittbrettern rechts und links. Das hat etwas von Abfahrtski, aber ist bestimmt gut für die Oberschenkelmuskulatur!
Gegessen wird hier fast ausschließlich was die Farm hergibt, hier gibt’s eine Menge Hühner, die sind ein bißchen zäh, aber dafür sehr aromatisch. Es gibt eine Kuh für die Milch, und Ochsen als Zugtiere zum Pflügen. Das Hauptnahrungsmittel ist Ugali, eine Art Riesenkloß aus Maispampe, es macht unglaublich satt. Gleich danach kommt Zukumawiki, ein Gemüse, das ich irgendwo zwischen Löwenzahn und Seetang einordne, ist nicht so mein Ding. Die Soßen sind klasse!
Meine Familie ist sehr nett, meine Gastmutter und mein Gastvater sind beide schon etwas älter, mit auf dem Hof wohnen noch ihr älterer Sohn mit seiner Frau, die beiden jüngeren Söhne, 20 und 18, die Tochter, ca. 17 und das kleine Kind des ältesten Sohnes, Mrembo. Sie ist ca. 2 Jahre alt und total süß. Schaut einen immer ewig an und tanzt, sobald Musik läuft.
Die Schule, in der ich arbeite, ist fünf Minuten entfernt und besteht aus einer Ansammlung von Häusern, die gerade gebaut werden. Das neueste Gebäude hat sogar Glas in den Fenstern, ist aber noch nicht fertig. 550 Euro hat es gekostet! Auch auf dem Schulgelände laufen über all Hühner herum, manche allerdings nur bis kurz vorm Mittagsessen, dann geht’s ihnen an den Kragen...
Unterrichten an sich fällt mir im allgemeinen viele leichter als ich gedacht hätte, sei es nun in meiner Klasse 11 mit neun Schülern oder in Klasse 9 mit 80 Schülern. Allerdings ist es in Klasse 9 praktisch unmöglich, ein Feedback von einzelnen Schülern zu bekommen, ob sie alles verstanden haben. Zudem habe ich in Klasse 11, in der die Schüler deutsch als Prüfungsfach für ihre Abschlussprüfung gewählt haben, nur 3 Stunden pro Woche, was viel, viel zu wenig ist. Auch die Extrastunden am Wochenende können das nicht kompensieren, obwohl ich da manchmal 4 Stunden am Stück unterrichte. Generell kann man sagen, dass Deutsch eine verdammt schwierige Sprache ist! Dass uns praktisch keine vernünftigen Lehrmaterialien zur Verfügung stehen, kommt noch erschwerend hin zu. Ein weiteres Problem ist, dass in regelmäßigen Abständen nur die Hälfte der Schüler da sind, weil die andere Hälfte das Schulgeld nicht rechtzeitig auftreiben konnte. Die Schüler selbst sind jedoch viel umgänglicher als ich es von deutschen Schulen gewohnt bin. Oftmals macht das Unterrichten daher richtig Spaß, besonders in Klasse 11!
Gerade ist Regenzeit, weswegen alles ziemlich grün ist. Allerdings ist es ein anderes Grün als in Deutschland, es erinnert an pürierten Spinat mit einem Schuss Sahne. Stellenweise wird’s dann auch ziemlich bunt, vor allem wenn man sich den Städten nähert. Das liegt allerdings nur an der kenianischen Müllentsorgungsphilosophie: Man überlasse den zu entsorgenden Gegenstand einfach der Schwerkraft und wende sich wieder wichtigeren Dingen zu.
Das Transportsystem ist auch etwas anders als in Deutschland, statt Bussen gibt es hier meistens "Matatus". Die sind etwas kleiner als herkömmliche VW-Busse und meistens recht gut bestückt, mein bisheriger Rekord waren 26 Personen in einem Matatu, da fühlt man sich garantiert niemals einsam! Gefahren wird auf der linken Seite, überholt wird ca. alle 500 Meter, immer von dem Fahrzeug, das gerade mehr Schwung hat.
Das etwas puristisch-naturalistische Leben macht mir komischerweise so gut wie nichts aus, sogar mit der Toilette hab ich mich bereits angefreundet.
Was wesentlich gewöhnungsbedürftiger ist, ist die Tatsache im Umkreis von 100 Kilometern der einzige Weiße zu sein. Das ist auf die Dauer recht stressig und kann zuweilen auch mal recht unheimlich werden. Man fällt auf wie ein bunter Hund. Ein Hund, von dem alle denken, dass er steinreich ist! Was für kenianische Verhältnisse wohl auch stimmt. Die meisten Leute hier sind jedoch total nett, und praktisch über all wo man hinkommt, wird man gegrüßt, von den sympathischeren mit: „How are you?“ und von den übrigen mit „Mzungu“, das ist Kisuaheli und bedeutet soviel wie „Weißer“.
So, das war's fürs erste, und wenn durch den hin und wieder vielleicht etwas kritischen Hauch meiner Erzählungen der Eindruck entstanden ist, dass es mir hier nicht gefällt, so muss ich das korrigieren.
Dass Kenia das eine oder andere Problem hat, lässt sich zwar nicht abstreiten, sonst hätte es wohl auch kaum den Status eines Entwicklungslandes. Aber genau das wollte ich ja, Erfahrungen in einem Land sammeln, das sich von europäischen Ländern so weit wie möglich unterscheidet.
Und ob man’s glaubt oder nicht, trotz all der schwierigen Umstände glaube ich fast, dass die Mehrzahl der Kenianer wesentlich glücklicher ist als der durchschnittliche Deutsche.
Alles in allem fühle ich mich hier ziemlich wohl und bin auf jeden Fall gespannt was die Zukunft hier noch so bringt!

