Erik aus Berlin in Kolumbien

Nationalpark (PPN) Tayrona, nähe Santa Marta
(1 Monat zw. November u Dezember)

Ich habe im Rahmen meines einjährigen Sozialen Jahres einen extra Sozialdienst (wenn man so will) im tropischen Nationalpark der Atlantikküste Kolumbiens gemacht. Das konnten all diejenigen machen, die ihre regulären Arbeitszeiten in ihrem Hauptprojekt, in meinem Fall ein staatlicher Kindergarten im Süden Bogotás, vorbildlich abgearbeitet hatten. Bei mir ging’s fix mit den Kids, da sie einem die Zeit mit allen möglichen Unsinnstaten zu füllen wussten. Dort habe ich meist Sport gemacht, etwas Fussball und Toben, beim Füttern und ins Bettchen bringen geholfen und natürlich Trösten, eines der wichtigsten Aktivitäten auf der Tagesagenda.

Zu meinem Einsatz im Feucht – und Trockenwald des 32km langen Küstengebietes des Tayrona Nationalparks brachte mich die Idee eines Kollegen, der sich auch im Auslandsprogramm des ICJA befand, er hatte im vorigen Jahr Schildkröten bei der alljährigen Anreise an den Strand von Arrecifes beobachten und einen Parkranger bei der Geburtshilfe einiger schwacher Exemplare begleiten können. Leider stimmte mein Timing nicht ganz, dennoch hatte ich genügend Gelegenheit zu anderen Unternehmungen im Park.

Wir kamen als hektische „Großstadtkolumbianer“ an, verließen das Gebiet als „Costeños“. Die Küstenbewohner nehmen sich nun mal Zeit für die Dinge und so ist es auch einmal möglich 2 Tage auf eine Ansprechperson zu warten, die mir eigentlich alle nötigen Dinge erklären sollte oder sogar ohne das Wissen des Nationalparkbüros, wie aus dem Nichts aufzutauchen.

Ungehindert von Komplikationen, die sich durch wundervolle Fügung zum Schluss immer zum Guten wenden zu scheinen, war der Aufenthalt im Park einer meiner lehrreichsten Lebensabschnitte überhaupt. Die Ruhe und Sorglosigkeit werde ich hier wahrscheinlich nicht so schnell wiederfinden.

Meine Aufgaben im Park gab ich mir größtenteils selbst. Angefangen damit, einem Schweizer Kollegen bei seinem Projekt eine 3-dimensionale Karte vom Park zu erstellen unter die Arme zu greifen, bis hin zu einfachen Aufsichtstouren durch den Dschungel im Park, hat mich die Zusammenarbeit mit unserer Koordinatorin und ihren Projekten in den anliegenden Dörfer mit Grundschulkindern am meisten begeistert. Die Kinder haben leider relativ schlechte schulische Bildungsmöglichkeiten in dieser Region Kolumbiens, es gilt als gut, überhaupt einen Abschluss zu machen. Ein Mitte 60 Jahre alter Parkbewohner, der bereits im Park geboren, aufgewachsen und auch wahrscheinlich hier ableben wird, ist Nika. Er beschäftigte sich viel mit solchen Kids, die weder die Relevanz eines Miko Titi Äffchens für das Ökosystem des Regenwaldes kannten, noch wussten, dass Iguanas (Echsen, die auf Bäumen wohnen) jagen im Park eine Straftat ist, weil diese Spezies vom Aussterben bedroht ist. Wir hatten die wirklich wertvolle Möglichkeit von Nika in einige der Geheimnisse des Parks eingeweiht zu werden, er kennt jeden Baum und Strauch und weiß um die Ignoranz die teilweise bei den Bewohnern der anliegenden Gebiete vorherrscht. So haben wir Trips in 2 Schulen mitbegleitet, uns den Kindern vorgestellt und versucht, sie für den Park zu begeistern. Viele fanden schon die Tatsache, dass wir aus einem ganz anderen Teil der Erde extra angereist zu sein scheinen, schon Grund genug, um sich für die „ökologische Gruppe“ zu qualifizieren. Letztendlich haben wir dann aus den interessiertesten Kindern die Gruppe zusammengestellt und eine Tour im Park organisiert. Ein Pfad erkundet, Tiere erspäht, gebadet und im schicken Parkrestaurant ein 3 Sterne Menü gefuttert. Ich glaube, die Begeisterung von allen Beteiligten ließ sich nicht so schnell aus den Gesichtern spülen. Ich habe in Tayrona Erfahrungen fürs Leben gesammelt, wie sich Leute aus etwas weniger trotzdem mehr zu machen scheinen, ich habe Fischer getroffen, die von Luft und Meer gelebt haben, ohne einen Cent in der Tasche, habe mit der Mama einer der Kids aus der Gruppe gesprochen, die schon ihre zweite Tochter hatte in meinem Alter. Am Ende lernte ich ab und an einen Gang runter zu schalten, wo viele sich den Druck machen, noch einen Zahn zuzulegen. Ich denke es gibt viele unterschiedlich Arten glücklich zu sein und die Menschen in und um diesen Nationalpark in Tayrona haben auf mich den glücklichsten Eindruck gemacht.



Aishe in Kolumbien (2006-2007)




Neben dem Sprachkurs von meiner Organisation, der mittlerweile vorbei ist, habe ich noch einen anderen an der Universidad Nacional angefangen. Die Uni ist toll, wie eine kleine Stadt in der Stadt. Viel Grün, viele junge Leute und rebellierende Studenten. Vorgestern saß ich im Sprachkurs und habe aus dem Fenster geguckt, als plötzlich von Kopf bis Fuß vermummte Menschen vorbei liefen. Das Einzige was noch frei war, war ein Schlitz für die Augen. Ich hatte vorher schon davon gehört, das es in regelmäßigen Abständen an der Uni Unruhen gibt. Aus welchem Grund genau demonstriert wird, habe ich noch nicht so ganz begriffen, aber ich glaube es herrscht ein Zustand der Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation. Alle Unigebäude sind besprüht mit linken Parolen gegen Kapitalismus und laut meiner Sprachkurslehrerin waren auch die vermummten Menschen am Donnerstag auf einer „Sprühmission“. Sie erzählte, dass man das immer zu Anfang des neuen Semesters beobachten kann.

In der vergangenen Woche habe ich richtig angefangen in meinem Projekt zu arbeiten. Ich habe in dieser Woche überall reingeschaut. Am kommenden Montag werden wir dann einen Plan mit meinen Aufgaben festlegen. Es ist anders als ich dachte und mir fehlt noch immer der Überblick und Durchblick. Ich habe im Büro gearbeitet, was meistens Archivierung von irgendwelchem Aktenkram war und bin mit in die Gruppen gegangen. Mein Problem dabei ist im Moment eindeutig noch die Sprache. Ich kann mich leider noch nicht mit den Jugendlichen unterhalten, weil mir noch viel Vokabular fehlt und einige von ihnen undeutliches Spanisch sprechen, gespickt mit Slangausdrücken, die ich fast alle noch nicht kenne. Das macht einen Vormittag schon anstrengend, da ich mich die ganze Zeit sehr konzentrieren muss, um möglichst viel zu verstehen. Trotzdem macht es mir Spaß. Wir haben eine Frau, die für die Ordnung im Haus sorgt, putzt und das Mittagessen für die Jugendlichen und Mitarbeiter kocht. Sie ist sehr nett und herzlich, was übrigens häufig der Fall ist.
Man begrüßt sich hier immer mit einem Kuss auf die Wange und der (rethorischen) Frage „Wie geht’s?“, die natürlich immer mit „Gut!“ beantwortet wird. Trotzdem hat das etwas sehr Nettes und Herzliches, das mir gut gefällt. Zum Abschied küsst man sich ebenfalls auf die Wange und man bekommt immer ein „Machs gut und pass auf dich auf!“ mit auf den Weg. Außerdem habe ich den Eindruck, es ist hier einfacher mit Leuten ins Gespräch zu kommen.
Auch Partys sind nach meinem Eindruck viel lebhafter. Es wird viel getanzt. Und wie! Man kommt nicht ums Tanzen herum und ich tanze Salsa, obwohl ich es gar nicht kann. Es klappt erstaunlich gut. Auf jeden Fall werde ich noch einen Kurs belegen, denn es gibt wohl keine bessere Chance als es hier zu lernen.

Bekanntermaßen ist Südamerika sehr katholisch, demzufolge kann man die Protestanten wie die Nadel im Heuhaufen suchen. Das wiederum hat zur Folge, dass die Menschen hier nicht wissen was evangelisch ist. Meine Gastmutter hat mich gefragt, ob ich den Koran lese, als ich ihr erzählt habe, dass ich evangelisch bin. Wenn ich erzähle was evangelisch ist, von der Spaltung der Kirche und von Martin Luther, werde ich gefragt, ob ich Martin Luther King meine. Viele Menschen hier sind sehr gläubig. Wenn der Bus an einer Kirche vorbeifährt bekreuzigen sich viele, vor dem Essen wird oft gebetet (nicht in meiner Familie) und ich werde oft gefragt ob ich Christin bin.

Meine Fakten:
- Deutsche Schokolade ist besser.
- Es gibt hier kein Lakritz.
- Ich war im Goldmuseum, Technikmuseum und auf einem Skakonzert.
- Ich habe Bogotá von Oben gesehen.
- Es hat, bis jetzt, drei Mal geregnet und jedes Mal richtig stark. Aber es regnet zu wenig für die Jahreszeit, ist tagsüber zu warm und nachts zu kalt. Deswegen verkommt die Ernte der Bauern im Umland. Man spricht von 70 Prozent.
- Im Norden von Bogotá wohnen die Reichen, im Süden die Armen.
- Der Präsident sagt, das Land hat kein Problem, es gibt keinen Krieg.
- Schmuck ist hier unglaublich billig und schön.
- Die Herren sind Gentlemen.
- Es gibt viel zu tun.