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Lili in Mosambik (2007-2008)
Ich bin nun seit fast 6 Monaten in Maputo, Mosambik. Eigentlich bin ich gerade etwas zu träge zum Schreiben, weil hier eine unglaubliche Hitze ist. Januar ist bisher der heißeste Monat. Bei uns im Haus herrscht eine unterägliche Hitze und Schlafen ist gar nicht so einfach, wenn man die ganze Zeit über komplett nass geschwitzt ist und dann auch noch die Moskitos nerven. Als ich Anfang August hier angekommen bin, beklagten sich alle, dass es ab November immer wärmer werden würde. Ich antwortete dann immer, dass ich es genau so gern habe. Jetzt freue ich mich, wenn der Regen eine Abkühlung mit sich bringt, auch wenn dann meine Sandstrasse zu Hause bei starkem Regenfall überschwemmt ist und ich durch 10 cm tiefes Wasser waten muss, um zu meiner Chapa-Haltestelle zu gelangen. Ich wohne seit einem halben Jahr in Choupal, einem Viertel außerhalb der Stadt. Mit Chapas, kleinen Bussen oder Mini-Bullis, kommt man jedoch überall hin. Man muss bloß zu bestimmten Zeiten, wenn besonders viel los ist auf den Straßen, in Kauf nehmen, dass man sich irgendeine Verrenkung holt, halb aus dem Chapa hängt oder eine fremde saftig schweisstriefende Achsel am eigenen Arm klebt. Aber man kommt immer an, irgendwie.

Hier in Choupal lebe ich mit Vovo Claudina (Oma Claudina). Sie ist 70 Jahre alt, kann nicht mehr richtig laufen; dafür ist sie geistig so fit wie ein Turnschuh. Da ihr Mann vor einiger Zeit gestorben ist und ihre fünf Kinder schon lange erwachsen sind und in der Welt verstreut leben, wohnen derzeit nur sie und ich in dem Haus, das für uns beide zu groß ist. Wir kommen soweit ganz gut miteinander aus und sie hat auch endlich aufgehört, mich ständig vor den Jungs hier und vor AIDS zu warnen. Das tat sie aber immer nur aus Sorge. Da wir seit einem halben Jahr zusammenwohnen, bleibt es nicht aus, dass wir uns ab und zu mal „anzicken“, meistens, wenn ich mal den Schlüssel vergessen habe, oder wenn sie nicht aufhört, mir Essen anzubieten. Ich muss aber sagen, dass „Mama“ sich immer gut um mich kümmert, mir alle Freiheiten lässt, abgesehen davon, dass ich mein Zimmer nicht unaufgeräumt lassen soll.
Die ersten drei Monate habe ich in dem Kinderheim „Infantario Primeiro de Maio“ gearbeitet. Dort leben zurzeit 10 Kinder, die zwischen 8 und 10 Jahre alt sind. Der Stundenplan der Aktivitäten, der mir anfangs von der immer lächelnden Direktorin vorgelegt wurde, wurde in keiner Weise verwirklicht. Leider wird überlassenes Spielzeug immer gleich weggesperrt, „um es nicht kaputt zu machen“. Daher kann man wenig mit den kleineren Kindern unternehmen. Ich bat also darum, den älteren Kindern ein wenig Lesen und Schreiben beizubringen. Doch auch das funktionierte nicht. Dann hat Hbonny von Ajude mir sofort geholfen und nach kurzer Zeit hatte ich eine neue Arbeit bei der internationalen christlichen Organisation REMAR. Ich arbeite nun in einem Mädchenheim, in dem Mädchen und Frauen bis zum Alter von 30 Jahren wohnen können. Sie haben keine Familie, sind krank oder baten aus verschiedenen Gründen bei REMAR um Hilfe. REMAR hat in Machava eine Schule. Dort gehen die Mädchen werktags hin. Ich unterrichte Englisch. Bei aller Mühe, den Unterricht kreativ zu gestalten und mit Liedern und Spielen aufzulockern, muss man dann doch irgendwann die Grammatik erklären und da lässt die Konzentration meistens nach. Das Unterrichten wird auch dadurch erschwert, dass ständig Leute rein- und rausgehen, um irgendwo bei der Hausarbeit zu helfen, zum Markt zu gehen oder Ähnliches. Wenn ich jedoch den Lernerfolg sehe, freue ich mich immer sehr. Man sollte auch wissen, dass man sich hier nie zu viel vornehmen sollte.

Nach der Arbeit gehe ich drei mal die Woche zum Tanzen, traditioneller afrikanischer Tanz. Zwei Stunden schwitzen, stampfen, Hüften kreisen lassen zu Live-Trommeln. Das werde ich in Deutschland sehr vermissen. Oft bin ich in der Stadt. Die Wochenenden verbringe ich zum Teil zu Hause mit Claudina und abends draußen mit Freunden. Einige kurze Reisen habe ich auch schon gemacht, z.B. über Silvester nach Tofo, einer der tollen Strände hier in Mosambik.
Ernesto in Mosambik (2006-2007)
Die Hoffung stirbt zuletzt.

Eine Schule in Maputo
Wo bleiben meine Schüler? Jeden Morgen stelle ich mir die gleiche Frage. Aber ich muss mir eingestehen, dass es mir als Schüler auch schwer fiel pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Dabei handelte es sich um Faulheit meinerseits. Hier in den Bairros Maputos spielen andere Faktoren eine Rolle. Jeder Morgen ist mit viel Arbeit verknüpft, besonders für die Kinder. Sie sind es, die in der Familienhierarchie ganz unten ihren Platz haben. So wird von ihnen verlangt, das Frühstücksbrot zu kaufen oder auch das Wasser für den Kaffee zu kochen. Und wenn kein Gas daheim ist, wird mit Kohle gekocht. Es steht also nie fest wie lange der morgendliche Alltag bei meinen Schülern dauert. Ich warte deshalb geduldig und nehme es ihnen nicht übel.
Nach 15 Minuten kommt dann endlich Edmilio. Ich trage die kleine Tafel heraus, während er für sich und für mich einen Plastikstuhl holt. „Bom dia Edmilio“. Er sieht mich mit seinen kleinen, schüchternen Augen an. Seine Stirn ist mit zwei großen Narben versehen. Ich entdecke immer neue Wunden an seinen Händen und Füssen. Er sitzt mit gekrümmtem Rücken auf dem Stuhl und lässt seine dünnen Beine baumeln. „Bom dia Mr Ernest“. Da ich nur geringfügig Platz auf der Tafel habe, klebe ich eine kopierte Seite aus einem Buch daran. Wir zählen heute auf Englisch, sage ich ihm auf Portugiesisch. Er nickt nur mit dem Kopf. „One, two, three”, Edmilio wiederholt passiv. Nach dem vierten Mal soll er allein zählen. Die Zahlen stehen an der Tafel geschrieben. Langsam bewegt er seine Lippen, aber lässt keinen Ton heraus. Er flüstert leise. Es scheint mir, dass er Angst hat, etwas Falsches zu sagen. Als ob er es nicht dürfte. Dies ist das Resultat des portugiesischen Bildungssystems, welches Mosambik hat. Dort gilt nämlich: ein guter Schüler muss stumm sein. Wer fragt, nervt den Lehrer.

Jedes Kind erzählt seine eigene Geschichte, mal laut und mal ganz leise
Ich warte einige Minuten. Schließlich frage ich ihn, ob er weiß, was er machen soll. Er nickt wieder. Bist du dir sicher Edmilio? Sim, sim. Aber das stimmt nicht. So wiederhole ich langsam die Zahlen mit ihm. Aber nach einer Stunde hat er sie immer noch nicht verstanden. Er stellt die kleine Tafel zurück. Edmilio geht, aber sagt gar nichts. Bis morgen Edmilio. „Ciao“ flüstert er sehr schüchtern. Er sieht mir die ganze Zeit nach, bis er durch das Tor geht. Was denkt er? Was erwartet ihn daheim? Von meinem Kollegen erfahre ich, dass er seinen Vater vor drei Jahren verloren hat.
Es ist Zeit für eine Zigarette. Ich gehe auf die Strasse und kaufe mir eine. Der Direktor des Projekts Alfredo kommt auf mich zu. „Ernesto, vamos a pasear!“
Es ist eng, wie immer in der Chapa. Wir sind auf dem Weg nach Laulane, um Kinder des Projekts zu besuchen, die seit langem nicht gekommen sind. Glücklicherweise dauert die Fahrt nicht so lange. Ich schwitze und habe Durst. Ich bereue ein wenig, ja zum Spaziergang gesagt zu haben. Als erstes besuchen wir den 12 jährigen Edigio. Er lebt mit seinen zwei Geschwistern in einer kleinen Strohhütte. Seine Eltern sind gestorben. Der einzige Schutz, den er vor ungebetenen Gästen hat, ist ein stachliger Busch. Er kocht sich gerade Hirse mit Aubergine. Alfredo sieht das bekümmert an. Wie ernährt sich dieses Kind nur, sagt er und schüttelt dabei den Kopf. Er fragt Edigio auf Shagaan, wo denn seine Schwester Luisa sei. Dieser meint, sie wäre in der Schule. Wir lassen ihn alleine mit einem Brief an seinen Paten in Italien. Er soll ihn abschreiben. Wir gehen einige Häuser weiter und treffen die einzige Person die Edigio und Luisa hilft. Es ist Stelia. Sie kocht den Kindern ab und an etwas oder hört ihnen zu, wenn es Probleme gibt. Wie eine Ersatzmutter ist sie für diese Kinder. Aber in Afrika ist Glück auch immer mit Pech verbunden. Stelia hat Aids. Wie lange sie leben wird steht noch nicht fest. Mein Kollege fragt wieder nach Luisa. Wahrscheinlich hat sie gerade Unterricht, erfahren wir von ihr. Schließlich machen wir uns auch auf den Weg zur Schule. Die Sandstrasse, die Sonne, ich bin erschöpft. Mein Kollege auch. Wir kaufen uns zwei Orangen und essen diese genüsslich. Der Weg zur Schule erweist sich länger als erwartet, denn wir sind den falschen Weg gegangen. Ich bin erstaunt, das Alfredo sich überhaupt so gut auskennt. Alles sieht hier nämlich gleich verwirrend aus. Palmen wo man hinsieht und immer dieselben runtergekommenen Steinhäuser. Allein würde ich mich verirren.
Eine alte mosambikanische Flagge weht auf dem Schulhof, der durch die starke Sonne kein angenehmer Ort ist. Die Kinder sitzen alle in überdachten Ecken von denen es aber leider nicht so viele gibt. Die Schule besteht aus drei großen Häusern. Die Klassenräume sind überfüllt mit Kindern. Wir suchen Luisa. Haben aber leider keinen Erfolg. Wir stehen vor ihrem Klassenzimmer. Ihr Lehrer kommt heraus und grübelt erst mal, wer überhaupt Luisa ist. Er ruft ihren Name in die Klasse. Keine Antwort. Sie ist heute nicht zur Schule gekommen. Ich frage ihn noch wie viele Kinder er in einer Klasse hat. 70-90 ist seine Antwort. Und kennen sie ihre Schüler? Er schmunzelt und meint, das dies nicht notwendig sei. Auf dem Rückweg lässt Alfredo mich wissen, dass mozambikanische Eltern sich um ihren Nachwuchs nicht kümmern. Wahrscheinlich bettelt Luisa irgendwo auf den Strassen Maputos, fügt er noch hinzu. Wir gehen zurück zu Eugenio, der mit dem Abschreiben fertig ist. Alfredo schießt noch ein Foto von ihm. Anschließend fahren wir zu unserem Projekt zurück.
Im Chapa erzählt mir Alfredo, wie hilflos er sich manchmal fühlt, wenn er diese Kinder sieht. Es benötigt Geld, sagt er mir. Ich frage ihn, ob es denn nicht soziale Zentren gäbe, wo diese Kinder unterkommen können. Die gibt es – staatliche. Aber dort bekommen die Kinder nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen. Und noch andere, wie das SOS Kinderdorf, wo es 1000 Dollar pro Jahr kostet, ein Kind unterzubringen. Aber das ist viel zu viel. Alfredo träumt. Er erzählt mir, er wolle unser Projekt vergrößern. Eine richtige Schule wolle er daraus machen, mit einer Kantine, um den Kinder in diesen Bairros vielleicht eine Zukunft zu ermöglichen. Ich sage ihm: Die Hoffung stirbt zuletzt. Er lacht.
