Blogs unserer Freiwilligen aus früheren Jahrgängen

 

Jonas (2009/2010)

 

Programme

weltwärtsInternationaler Jugendfreiwilligendienst (IJFD)ICJA ProgrammIntergenerationeller Freiwilligendienst

 

Kontakt

icja(at)icja.deTel 030-2123 8252

 

Soziale Netzwerke

 

 

Sofia in Nigeria


Zunächst muss man mal sagen, dass es trotz der Wahlen "ruhiger" war, als die Menschen befürchtet hatten. Ich habe mich in meinem Kinderdorf nicht eine Sekunde irgendwie unsicher gefühlt. Das fing hier schon alles mit dem Wahlkampf an. Von den 50 Parteien haben nur die drei reichsten Kampagnen gestartet. Diese sahen so aus, dass lauter Songs gespielt wurden, welche die Kinder nachher alle auswendig kannten. Es wurden T-Shirts, Armbänder, Handys, etc verschenkt. Für einige Wahlkampagnen wurden über 7 Billionen Naira ausgegeben. In meiner Gegend hieß es: jedes Dorf, das für PDP stimmt, kriegt 1 Mio. Naira. Was die verschiedenen Politiker für Ziele hatten, spielte dabei keine Rolle. Die meisten Leute kannten bis zum Schluss nicht mal die Namen der Kandidaten, sondern nur die Symbole der Parteien, wie beispielsweise einen Regenschirm, eine Ananas oder
einen Besen. Bei den ersten Wahlen war ich noch in Lagos, weil es einfach keinen Verkehr aus der Stadt heraus gab und man besser nicht auf die Straße gehen sollte. Als Bunmi nach ein paar Stunden zurück von der Wahlstation kam, erzählte sie uns aber, dass es wohl Unruhen gegeben hätte, da einige "area-boys" versucht haben, die Leute zu überreden, für
eine Partei zu wählen. Als ich dann zurück in mein Dorf gefahren bin und in Ijebu-Ode, unserer nächstgrößeren Stadt war, hieß es , dass heute vier junge Männer beerdigt wurden, die von unbekannten Polizisten auf der Straße erschossen wurden. Bei den Präsidentenwahlen war ich wieder in meinem Dorf, habe so gut wie nichts davon mitbekommen. Wir konnten auch nichts im Fernsehen verfolgen, da wir so gut wie keinen Strom haben. Ich habe mich dann mit einer meiner Tanten unterhalten und sie hat mir so einiges erzählt. Eigentlich fing es schon den Freitag vor den Wahlen an. Ich bin noch mal in unser nächstes Dorf, Ife, gefahren um auf dem Markt was einzukaufen, als plötzlich drei fette Busse von der Polizei vorfuhren. Als ich nachfragte, warum die hier seien, hieß es, dass sie Unruhen wie beim letzten Mal vermeiden wollten. Schön und gut habe ich gedacht, bis ich gesehen habe, dass das alles Jungs in meinem Alter waren, die sixh mit ihren fetten
Maschinengewehren mit Zigaretten und Bier eindeckten. Am Samstag fanden die Wahlen statt. Eigentlich sollte die Wahlurne um 8 Uhr aufgestellt und bis 16 Uhr gewählt werden. Bei uns kam es dann so, dass die entsprechenden Verantwortlichen gegen 12 Uhr mittags auftauchten und als mein „Village father“ um 14 Uhr hingehen wollte, alles wieder abgebaut und die Leute auf ihrem Weg nach Lagos waren. Wer es dann doch geschafft hatte zu
wählen, konnte entscheiden, wenn er für PDP stimmt, ob er 200 Naira oder zwei Tassen Reis haben will. Dass hier mit einem Fingerabdruck gestimmt wird, brauche ich versteht sich von selbst. Die dritte Wahl fand letzte Woche statt und es ist einfach keiner mehr hingegangen.

Dennoch, mir geht es sehr gut. Ich merke immer wieder, wie sehr ich in dieser Kultur angekommen bin und habe schon Angst, ob ich mich in der deutschen Kultur noch zurecht finden kann. Denn gerade gestern waren wir wieder auf einem dieser riesigen, lauten chaotischen Märkte, die irgendwo doch ein System haben ein afrikanisches eben. In Nigeria findet das Leben auf der Straße statt. Hier ist was los: es wird geschrien, gelacht, verkauft und gekämpft.


Hannah in Nigeria (2006-2007)


Endlich komme ich mal dazu, ein bisschen zusammenzufassen, was ich so in den ersten beiden Monaten gemacht habe. In Lagos wurden wir von einigen ICYE Co-workern abgeholt und machten sogleich Bekanntschaft mit dem nigerianischen Verkehrswesen und der Exekutive des Landes. Zuerst wurden wir von der Polizei gestoppt und später platzte dann ein Reifen, der schnell durch einen anderen ersetzt, allerdings nur mit vier der fünf vorgesehenen Muttern festgezogen wurde (ganz heißer Tipp für Sparfüchse). Zunächst einmal wurden wir aber von den vielen neuen Eindrücken erschlagen, hupende gelbe Autobusse mit ca. 25 Personen als Insassen, grünen Taxis mit Sprüchen wie: "Covered with the Blood of Jesus", "God bless You" etc.

Die ersten beiden Wochen haben wir im Orientierungscamp verbracht. Da hatten wir Yorubaunterricht und über so Themen wie "Was verstehe ich unter Freiwilligendienst" gesprochen. Ich muss sagen, dass ich über die Organisation afrikanischer ICYE-Gruppen positiv überrascht war und mir das Camp gut gefallen hat. Am ersten Wochenende waren wir dann in Ode Remo beim Lafoshe -Festival und haben beim König im Palast übernachtet. Danach kamen wir in unsere Gastfamilien und Projekte. Am Anfang war das schon alles sehr gewöhnungsbedürftig und vor allem gar nicht so einfach zu überschauen, wer alles zu meiner eigentlichen Familie gehört und wer Cousine, Tante oder Bekannter ist, da tagsüber teilweise an die zwanzig Menschen durch das Haus rennen. Meine Gastfamilie besteht im eigentlichen aus meinen Gasteltern und meinen vier Gastgeschwistern. Allerdings wohnt noch die Mutter meiner Gastmutter mit im Haus, sowie die beiden Haushilfen. Mittlerweile kann ich aber auch alle Namen und fühle mich wie zu Hause. Der Umgang in der Familie ist komplett anders, als ich es gewohnt bin. Älteren Personen wird vielmehr Respekt entgegengebracht und Kinder werden teilweise geschlagen. Hört sich jetzt für einige von euch mit Sicherheit ganz schrecklich an. Allerdings muss man wissen, dass die Kinder nicht jeden Tag verprügelt werden und dass häufig auch andere, uns geläufigere Strafen, angewandt werden. Meine Gastmutter ist den ganzen Tag über sehr beschäftigt. Es gibt Tage an denen ich sie nur morgens und abends kurz sehe. Neben der Schule, die meiner Gastmutter gehört, besitzt meine Familie noch eine Tankstelle, eine Hühnerfarm und eine Fischfarm. Sie gehören somit schon eher zu den reicheren Familien, können es sich leisten, ihre beiden ältesten Töchter nach England zur Schule zu schicken, was wohl den meisten Nigerianern nicht möglich ist. Immer wieder bekomme ich auf der Strasse zugerufen: "Oyinbo, take me to England." Nigerianer sind ziemlich verrückt nach allem was mit London oder England zu tun hat.

Meine Arbeit in der Schule gefällt mir gut. Die Schule hat insgesamt zwischen 450-500 Kinder, die zwischen 3 und 10 Jahren alt sind. Die Lehrer sind alle nicht viel älter als ich und sehr nett. Einer bringt mir zur Zeit das Kochen bei.
Die Lehrer haben für dieses Jahr geplant eine Bücherei für die Kinder einzurichten, wobei ich wohl helfen werde. Ansonsten assistiere ich zur Zeit den im Unterricht. Der Unterricht beginnt jeden Morgen um 8.00 Uhr und endet am Nachmittag gegen 16.00 Uhr. Samstags gibt es keinen Unterricht.

Meine Wochenenden waren bis jetzt ganz gut "ausgebucht". Am Anfang war ich mit einer der unzählig vielen Cousinen auf einer Hochzeit. Es werden immer zwei Hochzeiten gefeiert, eine traditionelle und eine kirchliche. Beide sind mit ziemlich viel Tamtam verbunden. Auf der traditionellen Hochzeit wurde ein symbolischer Brautpreis gezahlt, der aus Yams, ein paar Kästen Cola und einem Kofferset bestand. Das Brautpaar musste viel beten, tanzen. Ihnen wurden Geldscheine auf die Stirn gelegt (so bezahlt man nigerianische Tänzer). Natürlich konnte ich mich nicht vor dem Tanzen drücken und wurde mit auf die Tanzfläche geschleift. Die kirchliche Hochzeit war weniger spannend, da sie eigentlich dem entsprach, was ich so unter einer Hochzeit verstehe. Feste werden hier generell immer mit sehr viel Aufwand vorbereitet. Unmengen an Essen wird gekocht, da man niemals wissen kann, wie viele Leute tatsächlich kommen. Nächste Woche sind wir auf einer Beerdigung eingeladen. Was durchaus keine traurige Angelegenheit sein muss, vielmehr eine Party. Es gibt viel zu viel Essen. Gestern hat meine Gastmutter einen Berg an Plastikstühlen und Pavillons geordert. Wahrscheinlich gibt es wieder T-Shirts mit dem Aufdruck: "I was there at the final burial ceremony of Mr..." plus Foto des Verstorbenen versteht sich.