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Ruth in Portugal (2003-2004)




Ich bin nun seit einem Monat aus Portugal zurück und alles, was ich dort erlebt habe ist schon wieder erstaunlich weit weg. Irgendwie kommt es mir vor als hätte ich alles, was ich dort erlebt habe, nur in einem Kinofilm gesehen.
Mein Projekt war in der Casa da Criança. Das ist ein Kinderheim, das mit dem Frauengefängnis und dem Sozialamt von Lissabon zusammen arbeitet. Dementsprechend hatten wir dort ein paar Sozialwaisen und die Kinder der Gefangenen. Es ist eine sehr kleine und familiäre Einrichtung für 12 Kinder zwischen 3 und 9 Jahren. Nach Außen hin wurde für die Kinder alles getan: unendliche Berge an Spielzeug, Kleidung, Haus mit großem Garten, Musik- oder Sportstunden, Geschichten vorlesen, in den Zoo gehen usw. Dafür dass wir nie Geld hatten, um die nötigen Einkäufe zu machen, ging es uns echt gut. Doch nach Innen, gab es unendlich viele Probleme, die schon damit anfingen, dass das Geld, das wir für jedes Kind erhielten nicht zu uns gelangte. Es blieb bei den Brüdern aus der religiösen Gründung, der wir angehörten stecken. Besonders schwierig war es mit den vielen Mitarbeitern:11 Frauen und einem Mann. Fast niemand war dazu ausgebildet mit solchen Kindern zu arbeiten, so dass jeder für sich seine eigenen Methoden entwickelte. Dies führte leider oft zu Streitereien untereinander, so dass dies bei den Kindern ausgespielt wurde.



Ich wohnte im Haus und arbeitete von Montag bis Freitag von 15 bis 23 Uhr. Ich begann damit, die Kinder von fünf verschiedenen Schulen abzuholen wofür wir mit unserem VW-Bus knapp zwei Stunden brauchten. Danach hatten die Kinder eine knappe Stunde Zeit zu malen oder draußen zu spielen, bevor wir sie dann vor dem Abendessen duschten. Das Essen hat uns Helfern immer die meisten Nerven geraubt, weil es uns einen unerschöpflichen Einfallsreichtum abverlangte, die Kinder jeden Tag aufs Neue zum Essen zu motivieren („mach die Augen zu, stell dir vor es ist Schokolade“ hat bei der Kohlsuppe manchmal echt geholfen). Grund dafür war erstens die schlechte Qualität (wir bezogen das Essen aus dem Gefängnis, also eigenhändig von den Insassinnen zubereitet, es war einfach unmöglich runterzukriegen), zweitens nutzten viele Kinder diese Zeit als Gelegenheit, überschüssige Energien abzubauen oder uns in unserer Geduld zu testen.
Danach war noch etwas Zeit zu spielen oder fernzusehen, bis ich sie der Reihe nach zum Zähne putzen rief. Wenn sie ordentlich schrubbten durften sie meistens noch mal ein paar Minuten zurück ins Spielzimmer, da sie sonst erst gar nicht ins Badezimmer gekommen wären. Wir brachten sie danach mit Geschichten oder Gute-Nacht-Liedchen zu Bett. Wenn dann alles schlief, räumten wir noch auf oder sortierten die Kleider für den nächsten Tag, bis wir um 23 Uhr von der Nachtschicht abgelöst wurden. Meine Lieblingsaufgaben waren das Zähneputzen und Ins-Bett-bringen. Dabei konnte ich mir Zeit und Muße für jedes Kind nehmen, was so im Alltagsstress leider zu kurz kam. Auch wenn ich am Anfang große Schwierigkeiten hatte, hat mir die Arbeit mit den Kindern doch Spaß gemacht.

Die Hauptstadt Lissabon ist meiner Meinung nach eine der schönsten Großstädte, mit einer sehr gut erhaltenen Altstadt, sehr charakteristischen Stadtvierteln, vielen Gässchen und einer schönen Lage mit Blick auf den Fluss Tejo.

Sobald man aus der Stadt herauskommt beginnen die Schlafstädte, die tagsüber tot sind, und die Slums mit hauptsächlich schwarzer Bevölkerung aus den ehemaligen Kolonien. Das Heim befindet sich ca. 20 km westlich von Lissabon, also in einer absolut trostlosen Gegend mit Flughafen direkt davor und Gefängnis direkt dahinter. Zum Glück bekam ich ein Monatsticket für Bus und Bahn gezahlt, so dass ich leicht herausfahren konnte und so meine Umgebung und die wunderschöne Küste „Costa do Sol“ ziemlich gut kennen gelernt habe.
Die Landschaft gefällt mir sehr gut in Portugal, da ich sie unglaublich abwechslungsreich finde. Im Norden ist die Natur grüner und üppiger, die Städte grauer und ursprünglicher und die Menschen ärmer, aber offener und freundlicher. Der Süden ist ganz anders, viel touristischer, viel heller und sonniger, die Natur karger, flacher mit vielen Korkeichen und Pinien im Land. An der Küste gibt es viele sonnige Strände und Palmen.
Das Schönste an Portugal ist das besondere Licht und das Meer, welches täglich seine Farben ändert und das Scheußlichste der ganze Müll, der überall in der Landschaft verstreut ist und der auch dort zu finden ist, wo überhaupt keine Menschen sind. Ansonsten sind die Portugiesen ein sehr angenehmes, ruhiges, liebes Volk, welches sich schwer tut aus seiner kleinen Welt (Fado, Fußball und Fatima) herauszukriechen.
Ach ich hätte ja beinah vergessen die Sprache zu erwähnen. Die ist nämlich meiner Meinung nach sehr kurios und absolut unverständlich. Ich konnte Sprechen, bevor ich sie verstanden habe und das ging fast fünf Monate so (es heißt anscheinend auch, das die Portugiesen die Spanier verstehen, umgekehrt aber wohl nicht).