Anne in Russland (2005-2006)



Meine Babushka, bei der ich in Samara wohnte

Der russische Winter hat seinen Ruf verdient. Von bloßem Schneetreiben und spiegelglatten Straßen und Fußwegen brauche ich nicht zu reden. Die Kälte beherrscht alle Gespräche. Wir haben Temperaturen von –26 bis –32 Grad, und dass sich die Russen an die Kälte gewöhnt hätten, halte ich für eine Lüge: Sie frieren und zittern genauso, auch wenn sie berichten, wie sie in Sibirien schon viel kältere Tage erlebt haben, mit Schneemassen bis unter das Dach. Wobei dort die Kälte trockener ist und damit weniger fühlbar. Was man also versuchen muss ist, sich wirklich warm anzuziehen, denn man erkältet sich sehr schnell und unbemerkt. So manches Kleidungsstück, welches man zuhause naiv für den Winter gekauft hatte, erweist sich hier als unbrauchbar, und der Eiswind bringt einem schnell bei, dass Mode nicht alles ist. Zwei Paar Handschuhe übereinander, und nur Augen und Nase sind unbedeckt. Die zahlreichen Straßenhunde und so mancher Mensch erfrieren sich Füße und Nase, und an der Innenseite der meisten Fenster bildet sich eine Eisschicht. Zwar dichten vor dem Winter alle Russen zuhause die Fensterrahmen ab, doch oft sind die Fenster alt und das Holz verzogen, und es kann durchaus sein, dass in der Küche auf dem Fensterbrett über Nacht Getränke einfrieren. Auf der Strasse hält man sich nicht länger als nötig auf, besonders bei Wind, und durch die Kälte (und vielleicht auch die Wasserqualität) leidet die Haut. Aber man hat mir versichert: So schlimm wie in diesen Tagen war es schon lange nicht mehr. Sehr zu schätzen lernt man Errungenschaften wie warme Hausschuhe, eine gute Heizung und eine funktionierende Warmwasserversorgung, die aus unterschiedlichen Gründen schon mal ausfallen kann. Auch mit der Elektrizität gibt es gelegentlich Probleme.

Die Stadt kenne ich nun schon ganz gut, aber im Winter sieht sie wirklich grau aus. Die Wolga dagegen ist weiß, schön und zugefroren. Man kann auf ihr spazieren gehen oder mit einem Luftkissenboot fahren. Als sich vor Wochen die Eisschicht gebildet hatte, konnte man beobachten, wie die starke Strömung einzelne Eisschollen immer wieder abgebrochen und weiter transportiert hat, und wenn die Schollen aufeinander treffen, gibt es laute Geräusche. In der Nähe von Samara kann man auf einem Berg Ski laufen, die Winterlandschaft um die Stadt sieht märchenhaft aus.

Silvester habe ich bei russischen Freunden verbracht. Für die Russen ist die Neujahrsnacht eher ein Familienfest mit sehr viel Essen, also nicht so ein buntes Spektakel wie bei uns. Überhaupt spielt das Essen hier eine größere Rolle. Um Mitternacht, nach Moskauer Zeit, hält der Präsident im Fernsehen eine patriotische Ansprache. Geschenke gibt es auch zu Silvester, und mit Weihnachten zusammen, das erst Anfang Januar gefeiert wird und nur für sehr Gläubige eine größere Rolle spielt, ergeben sich 10 Feiertage, an denen fast das ganze Land trinkt und sich erholt, wie man mir erklärt hat. Für die Kinder kommt Väterchen Frost in Begleitung des Schneemädchens Snegurotschka, und längst vermischen sich westliche und russische Traditionen. Hinzu kommt noch das “Alte Neue Jahr”, das auf den Kalenderwechsel in der russischen Geschichte zurückgeht. Man gratuliert sich also zweimal zum Neuen Jahr.

Unser Krankenhaus wird irgendwann wahrscheinlich eines der modernsten in Samara sein. Einige Teile sind schon sehr modern, andere noch alt. Die Krankenstation, in der ich arbeite, wurde innerhalb der letzten Monate, also vor meinen Augen, nach und nach zu einer Art Elitestation umgestaltet. Die Räume sind neu, die gesamte Ausstattung macht einen sehr sauberen Eindruck, sämtliche Gegenstände wurden ausgetauscht, bei der offiziellen Eröffnung im Dezember, bei der die Krankenhausleitung und Vertreter des Bildungsministeriums und der Stadtduma anwesend waren, wurde den Mitarbeitern unter großem zeremoniellen Trara in naher Zukunft sogar ein erster Computer angekündigt. Vom Gouverneur des Samarer Gebietes scheint Geld zur Verfügung gestellt worden zu sein, und bereits das zweite Mal waren Fernsehteams da.



Das Portrait des Gouverneurs hängt im Kabinett des Oberarztes im Hospital für Kriegsveteranen, welcher mich meiner Klinik zugeteilt hat. Den älteren Besuchern steht beim Betreten einfach der Mund offen, jüngere nehmen diese Umgebung eher als normalen, anzustrebenden Standard auf.
Ein Kranker hat kürzlich angesichts der Neuanbringung eines durchsichtigen Plastikschildes mit einer Aufschrift ausführlich erzählt, wie früher in Kujbyshev, also dem sowjetischen Samara seiner Jugend, das nur halb so groß wie heute war, die Krankenhäuser aussahen, von denen es lange nur zwei gab, und wo man mit 15 anderen Kranken zusammen in einer Holzbaracke lag. Am Wochenende gab es überhaupt keinen Arzt, nur Arzthelferinnen, und natürlich herrschte immer ein Mangel an Medikamenten und Geräten. Der Mann sagte, dass man für dieses Plastikschild besser Medikamente hätte kaufen sollen. Einen Mangel an Medikamenten gibt es heute nicht mehr, dafür aber ist alles eine klare Frage des Geldes geworden. Keine Reklame für Medikamente vergisst zu erwähnen, dass die Tabletten z.B. in Deutschland oder Frankreich hergestellt werden und daher doppelt wirksam und ihren Preis wert sein müssen. Russische Medikamente sind meist viel billiger.


Ein alter Schiebewagen im neuen Ambiente

Wie auch in anderen Ländern ist die Pharmaindustrie ein riesiger Markt, und mehrmals haben mir Babuschkas detailreich erzählt, wie irgendeiner ihrer Bekannten, die geplagt von Schmerzen in Hüfte oder Bein, mit Hoffnung den Versprechungen einer Radiowerbung gelauscht hatten - “Rufen Sie gleich an!" Sie hatten ihre Ersparnisse zusammengekratzt und von einer nicht existierenden Firma mit toter Adresse per Post völlig wirkungslose bunte Pillen zugeschickt bekommen.

Die Menschen hier sind viel eher bereit, ihre Alltagsprobleme und Lebensschicksale mit anderen, auch Fremden, zu teilen, als in Deutschland. So kenne ich zum Beispiel bereits fast das ganze Leben meiner älteren Mitarbeiterin, mit den drei Ehen, den zwei Töchtern, ihren Krankheiten und Sorgen. Fast jeder vergleicht ständig die eigenen Lebensverhältnisse mit denen anderer, so dass man häufig gefragt wird, wie man wohnt, wie viel man verdient, wie viel man für die Wohnung zahlt, ob die Fenster dicht sind, und häufig werden Preise diskutiert. Da im Moment die Preise ständig steigen, ist es durchaus von Bedeutung, zu wissen, dass man auf dem und dem Markt noch gute Äpfel für 25 Rubel das Kilo kaufen, während man im Supermarkt auch 75 zahlen kann.

In meiner Freizeit lerne ich vor allem Russisch und Polnisch, lese russische Bücher, spiele Gitarre und versuche mir “lebenspraktisches Wissen” anzueignen, wofür mein Aufenthalt mir hier sicherlich eine große Chance bietet.