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Martin als europäischer Freiwilliger in Schweden

Ich wollte nicht unbedingt nach Schweden, sondern zu dem Projekt bei dem ich nun wirklich bin: Einem ökologischen Bauernhof auf dem 60. Breitengrad in Mittelschweden.
Als erstes war da das 10-tägige Seminar von IKU (= ICYE Schweden) in einer kleinen Hütte mitten im Wald zwischen zwei Seen in der Nähe von Stockholm. Wir waren 11 Freiwillige, haben ein bisschen Schwedisch gelernt, eine Stockholm-Tour gemacht, alle wichtigen schwedischen Brauchtümer durchgespielt, allerhand organisatorische Wichtigkeiten mitgeteilt bekommen und natürlich IKU kennen gelernt. Die über Regionalgruppen organisierte Struktur von IKU sorgte dafür, dass wir viele junge Menschen aus ganz Schweden kennen lernten.
Am 31. August trennten wir uns dann in alle Richtungen, zu unseren Projekten überall in Schweden. Die Bäuerin Ylwa holte mich in Uppsala vom Bahnhof ab um mich auf den 20 km entfernten Bauernhof in einem typisch schwedischen Dorf zu fahren. Hansta besteht aus 5 Höfen, ein jeder umgeben von etwas Wald und den zugehörigen Feldern, sonst nichts. Die ersten Wochen kam ich in die arbeitsreiche Erntezeit. Ich konnte also endlich lernen, wie das ist, jeden Abend mit angestrengten Knochen todmüde ins Bett zu fallen. Es steht in einem kleinen Dachzimmerchen in einem kleinen alten roten Holzhaus etwas abseits vom Familienhaus der Bauersleute. Ich habe eine kleine Küche mit Holzofenherd, aber im Wesentlichen leben wir viel in Küche und Wohnzimmer im Familienhaus zusammen. Da hier auch immer mal wieder andere Freiwillige arbeiten, aus Schweden oder anderen Teilen der Erde, wohnten hier am Anfang noch ein schwedischer Student und eine australische Familie. Die spannendsten Eindrücke für mich sind natürlich jene, die mit der konkreten Arbeit verbunden sind. Ich weiß jetzt, wie viele Arbeitsschritte ein Acker braucht, bevor man Winterweizen säen kann oder wie aufwändig der Trocknungs- und Lagerungsprozess von Getreide ist.
Auf dem Hof gibt es Hühner, Schweine, Kühe und Schafe und allerhand verschiedene Gewächse (sogar Sonnenblumen wachsen hier, verschiedene Hülsenfrüchte, verschiedene Getreide, Senf, Leinsamen). Der Anspruch des Hofes geht etwas über die bloße Produktion von ökologischen Lebensmitteln hinaus. Man will hier aktiv in der Entwicklung zukunftsfähigerer Ideen der Gesellschaftsorganisation sein, wovon eine lokale Vermarktung von ökologischen Lebensmitteln natürlich ein wichtiger Teil sein kann. So verkaufen sie ihr Getreide nicht (wie die meisten Ökobauern) so-wie-er-ist an einen Ökogetreidevermarkter, sondern reinigen, sortieren, mahlen, verpacken und verkaufen selbst. Daraus resultierend ist ein wichtiger Teil der Arbeit das Diskutieren darüber, was denn „ökologisch“ eigentlich heißen soll, wie verschiedene Teile des Hofes verbessert werden können, oder am wichtigsten: Was für neue Dinge ausprobiert werden könnten. Es geht nicht so sehr darum, auf einem bestimmten Gebiet (z.B. der Schweinefleischproduktion) professionell und ökonomisch Ökoprodukte zu erzeugen, sondern vielmehr darum, viele
verschiedene Dinge auszuprobieren, sich an Forschungsprojektion zu beteiligen, Kurse anzubieten, und überhaupt möglichst viel selbst zu machen.

Schweden, so wie ich es bisher kenne, ist natürlich vor allem wegen der dünnen Besiedlung toll. Die Landschaft und Natur erlaubt Sternenhimmel und Ruhe. In Uppsala oder Stockholm gibt es trotzdem Discomucke und Autolichter. Und weil es soviel Natur gibt, sind die meisten Menschen hier auch gerne viel draußen. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich so richtig ländlich lebe: Aber irgendwie erscheint mir ganz Schweden wie ein großes Dorf. Alle scheinen sich zu kennen, sie reden sich sowieso fast nur mit Vornamen an. Die meisten Menschen reden wirklich weniger, und ich finde das ganz angenehm, dass man auch völlig entspannt gemeinsam schweigen kann. Typische Gesprächsthemen, wenn dann doch mal geredet wird, sind das Wetter oder die zu teuren Nahrungsmittelpreise (letzteres wird hier auf dem Bauernhof natürlich umgekehrt aufgefasst). Höfliches Gerede gibt es nicht, und vielleicht deshalb erscheinen mir "die SchwedInnen" so ehrlich zu sein. Vermutlich ist es dumm, die SchwedInnen nun besonders zu charakterisieren, weil, wie bestimmt überall auf der Welt, auch hier die Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen viel größer sind. Manche Dinge sind institutionalisiert, wie der eher „starke“ Staat, gegen dessen hohe Steuern die meisten nicht wirklich was haben, und dessen Leistungen alle gerne preisen. Ein gewisser Stolz auf das eigene Land scheint auch an den vielen umherwehenden Flaggen ablesbar zu sein. Alle wollen am liebsten immerzu nett zu allen sein. Und da kann die verbreitete Meinungslosigkeit (nicht widersprechen, nicht auffallen, auf jeden Fall „normal“ sein) auch schon mal ein bisschen auf die Nerven gehen.

Jetzt gegen Ende November ist es schon ganz schön dunkel hier. Ich fange früh um 7 im Dunkeln an zu arbeiten, und nachmittags um 4 ist es auch schon wieder dunkel. Kalt wird es langsam auch. Jedenfalls hatten wir seit Tagen keine Temperaturen über 0 Grad Celsius.

Den Austausch über EVS finanziert zu bekommen, hat neben den Nachteilen des aufwändigen Bewerbungsverfahrens ganz praktische Vorteile: Man muss nichts bezahlen und bekommt sogar ganz ordentlich Taschengeld. Ob die Versicherung hält, was sie verspricht, werde ich nun bald herausbekommen. Das sicher gute aber ungeheuer teure medizinische Versorgungssystem von Schweden hat mir erst kürzlich eine Rechnung über knapp 600 Euro ausgestellt, weil ich mir den Finger eingequetscht hatte.

