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Philipp leistete seinen Freiwilligendienst als Ersatz für den Zivildienst in Taiwan (2006-2007)

Ich befinde mich in einem Taxi, der Verkehr und die Regeln entbehren jeder Beschreibung. Aber viel schöner, als die Augen ausschließlich auf die Straße zu richten, ist es, diese mal in Richtung Straßenrand zu bewegen. Denn das Leben in Taiwan findet auf der Straße statt und da sich der Alltag und das Leben der meisten Chinesen einfach komplett von dem eines Deutschen unterscheidet, möchte man einfach den ganzen Tag Beifahrer sein. Klar, das geht natürlich nicht, aber es macht mir nach fünf Monaten immer noch Spaß dem bunten und lauten Treiben auf den Straßen, viel zu engen Gassen und Hinterhöfen zuzuschauen. Wem es noch nicht reicht, dass die meisten Geschäfte von morgens um 9 bis abends um 10 aufhaben, der kann noch zusätzlich, wöchentlich stattfindende Nachtmärkte mit ihren improvisierten Küchen, die tausend Gerüche in alle Richtungen auswerfen, besuchen. Aber seid vorsichtig, auch wenn es lecker aussehen mag, was da in den überdimensionalen Woks so vor sich hinbrät und kocht, weiß man nicht. So stimmt das Gerücht leider doch, in China isst man einfach alles und so wurde mir schon allein beim Zugucken das ein oder andere Mal ein bisschen flau im Magen. Ich gebe hier nur den Tipp: Finger weg vom „stinky tofu“. Eigentlich sagt der Name ja schon alles, aber noch fieser ist, wenn der Geruch die Speiseröhre wieder rauf kriecht - hat mir beinahe einen Kulturschock verpasst.
Sowieso wird in Taiwan viel Tofu gegessen, natürlich immer mit Fisch und Reis als Beilage. Tja, das Essen, ich sage es mal so, man kann hier super lecker chinesisch Essen, aber das Gegenteil ist auch ziemlich leicht möglich. So hat bis jetzt jeder von uns Deutschen hier in Taiwan um die fünf bis zehn Kilogramm abgenommen.
Vielleicht liegt das ja auch daran, dass man in Taiwan kein deutsches Bier kaufen kann und auch sonst das Trinken nicht so von Jugendlichen zelebriert wird. Klar, es gibt auch gute Diskotheken, in die man als Waigouren (Ausländer; so wird man teilweise auch angesprochen) sogar umsonst hereinkommt, aber der Taiwaner kann eben von Natur aus weniger Alkohol ab.
Ein deutsches Bier kann man doch kaufen und zwar in den überall vertretenen Seven-Eleven die sich alle 500 Meter niedergelassen haben, aber leider nur widerliches Erdinger Weißbier, fragt mich nicht, warum es gerade so etwas bis nach Taiwan geschafft hat.
Wie gesagt, wir waren also mit dem Taxi unterwegs zum Language Camp in Tainan, auf dem wir auch gleich von unzähligen taiwanesischen ICYE Mitarbeitern und Freiwilligen sehr herzlich empfangen wurden. Das Language Camp war auf jeden Fall eine richtig tolle Zeit, in der wir an die chinesische Sprache und Kultur sowie das durchaus gewöhnungsbedürftige Essen langsam herangeführt wurden. So musste ich zum Beispiel das erste Mal in meinem Leben einen selbstgefangenen Fisch töten und hab beherzt in einen gebratenen Hühnerfuß gebissen (die Krallen muss man abkauen).
Aber wie so oft gehen die schönsten Tage schnell vorbei und so hieß es auch für mich, nach zwei Wochen Language Camp: auf in mein neues Projekt. Ein bisschen unwohl war mir schon im Magen, als ich meine Koffer in den kleinen Minivan packen musste. Immerhin wusste ich schon wieder nicht, was mich erwarten würde. Nur eins wusste ich, es würde noch taiwanesischer werden.
So fuhr ich also in dem kleinen Bus, der sicherlich schon mal bessere Tage gesehen hatte, in Richtung Süden. Mein neues Projekt lag nämlich nicht in Tainan County, sondern in Pingtung County, dem wilderen und traditionelleren Teil Taiwans.
Nach zwei Stunden Fahrt war ich in Fangliao, meiner neuen Heimat, angekommen. Ich kann euch ja einfach mal einen kleinen Überblick über meine täglichen Arbeiten geben:
Ganz vorne steht natürlich das Arbeiten mit den Kindern hier im Projekt. Das Projekt ist eigentlich eine von Finnen gegründete, evangelische Kirche. Jedoch sind die finnischen Missionare schon längst weiter gezogen und zurück blieb nur meine Chefin als ausgebildete Pastorin und noch in der Ausbildung befindliche Sozialarbeiterin.
Die Kinder, die hier bei uns in der Kirche leben, haben einen speziellen familiären Hintergrund (Keine Eltern, Gewalt in der Familie und sexueller Missbrauch) sind aber sehr lieb, und es macht eigentlich jeden Tag aufs neue Spaß mit ihnen was zu arbeiten. Manchmal wird es etwas zu viel, aber dann zieht man sich einfach zurück vor seinen Computer oder lernt etwas Chinesisch.
Neben der Arbeit mit den Kindern muss ich meiner Chefin helfen, neun Klassen â sechsunddreißig Schülern in Sachen Gewalt- und Drogenvorbeugung sowie Selbstfindung zu unterrichten. Am Anfang konnte ich nur auf Englisch helfen, aber langsam kann ich immer mehr Chinesisch mit einbringen.
Des weiteren helfe ich dabei, einigen der Ureinwohner Taiwans zweimal in der Woche in verschiedenen, künstlerischen Dingen, wie Gitarrespielen, Zeichnen, oder Singen zu unterrichten. Dabei hilft uns immer ein dritter Lehrer, der eine dieser Künste beherrscht. Ja, ich werde offiziell als Lehrer bezeichnet. Es ist schon lustig. Vor sechs Monaten habe ich noch mein Abiturzeugnis entgegengenommen und jetzt sitze ich selber im Lehrerzimmer.
Weiter gibt es noch unzählige Arbeiten, die sich ganz plötzlich ankündigen und auch ganz plötzlich wieder ausfallen. Gelegentlich helfe ich bei einem Gottesdienst im Gefängnis und unterrichte Englisch im Kindergarten.
Wie ihr seht, habe ich also ordentlich zu tun. Doch natürlich kommt die Freizeit auch nicht zu knapp, in der ich dann zusammen mit meiner Chefin, oder den anderen Zivis und Freiwilligen, Taiwan und die umliegenden Inseln erkunde.

Taiwans Natur ist wirklich wunderschön, aber leider nur an den Stellen, an denen sich noch kein Taiwaner niedergelassen hat. Immerhin hat Taiwan 22 Mio. Einwohner, die sich auf eine Fläche in der Größe Baden-Württembergs drängen müssen. Doch aufgrund der hohen und steilen Berge, ist nur 45% der Fläche besiedelbar. Die restliche Fläche hat man den zwei Millionen Ureinwohnern Taiwans überlassen, die, zwischen Arbeitslosigkeit und Drogen gefangen, ein unwürdiges Dasein fristen.
Als Ausländer ist man in Taiwan was Besonderes. Denn viele gibt’s hier nicht, zumindest nicht viele, die man als Ausländer erkennen würde. Mir fällt es immer noch schwer, Vietnamesen, Koreaner und Philippinen auseinander zu halten. Hinzu kommt, dass weiße Haut als absolutes Schönheitsideal im asiatischen Raum gilt. So versucht jede Frau sich mit allen Mitteln (Handschuhen und Schal bei 35 Grad) vor der Sonne zu schützen. Sogar beim Autofahren wird die Schirmmütze bis unter die Lippe gezogen und die Jacke verkehrt herum übergeschmissen (also Reisverschluss nach hinten), damit keine Sonne in den Ausschnitt kommt. Das ist auch der Grund, warum so wenige Taiwaner an den eigenen Strand gehen. Gut für uns Zivis.
Also, jeder der jetzt mit dem Gedanken spielen sollte, auch nach Taiwan zu kommen, den will ich ermuntern das auch zu tun. Taiwan ist bis jetzt das größte Abenteuer meines Lebens und frei nach dem Motto der taiwanesischen Tourismusbehörde „Taiwan touch you heart“ hat es das auch wirklich getan.
Mein taiwanesischer Name: Lio Li Pu
