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Anna als Teilnehmerin des Internationaler Freiwilligendienst für unterschiedliche Lebensphasen (IFL) in Togo (2006)

Das bin ich mit der weiblichen Hälfte meiner Gastfamilie
Auch wenn ich in jeder E-Mail aufs Neue wiederhole, dass es heiß ist, und das ist in Afrika ja auch zu erwarten, werde ich es noch einmal tun. Ich hab schon am ganzen Körper Hitzepickelchen. Letzte Woche war mir so heiß, dass ich Fieber messen wollte. Ich dachte erst, dass mein digitales Thermometer kaputt sei, weil es einfach nicht auf Null gehen wollte, sondern immer direkt 33,5 Grad anzeigte. Nach einer Weile war mir klar, dass das wohl die aktuelle Zimmertemperatur sein musste. Es war 5 Uhr nachmittags.
Es stand ein Besuch in Nigeria auf dem Programm. Mir war schon ein bisschen mulmig, weil ich in einer E-Mail der deutschen Botschaft in Lagos gelesen hatte, dass man auf gar keinen Fall nur einen Fuß in dieses Land setzen sollte weil es viel zu gefährlich sei. Außerdem fragten alle Einheimischen in Togo: „Was, du willst allein nach Lagos? Spätestens an der Grenze wirst du am helllichten Tag ausgeraubt.“ Mhhh, dachte ich mir, so schlimm wird’s schon nicht sein. Schon nach 5 Minuten im Bus nach Lagos schlug mir Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der mitfahrenden Nigerianer entgegen und ich konnte die Fahrt über Cotonou entlang der Küste in vollen Zügen genießen. Natürlich plärrte wieder ein ohrenbetäubend lauter amerikanischer Film aus dem Fernseher, aber daran habe ich mich ja schon gewöhnt. Außerdem bekam ich gebratenen Reis mit Huhn und Erdnüssen serviert. Nachdem wir die beninisch-nigerianische Grenze überquert hatten- der gesamte Bus musste an jeder Grenze auf mich als einzige mit nicht afrikanischem Pass warten- schlugen mir Kontraste und die Dynamik von Lagos entgegen. Es gibt sehr viele Straßenkontrollen, an denen Polizisten in Zivil mit Westen auf denen Police steht und mit einer Maschinenpistole bewaffnet stehen. Hunderte von Verkäufern mit ihren Wagen, Tabletts und Eimern auf den Köpfen wollen den Vorbeifahrenden etwas verkaufen. Es geht unglaublich langsam vorwärts und man hat den Eindruck, dass komplette Anarchie herrscht. Die 8-spurigen Highways, auf denen sich der Verkehr staut, sind von Plakaten für Prediger, Pfarrer und Heilsbringer übersät. Im Vergleich zu Togo und Lomé erschien mir alles riesig! Man schätzt, dass es mittlerweile 18-20 Millionen Einwohner gibt. Begeistert hat mich vor allem die Dynamik, die Freundlichkeit und auch die Lockerheit, die die Menschen an sich hatten. Ich habe mich in keinem Moment bedroht oder unsicher gefühlt. Natürlich muss man vorsichtig sein, wie aber wohl überall. Außer mir und den Freiwilligen habe ich keine anderen weißen Gesichter in dem Stadtteil gesehen. Man sagte mir, dass es ein europäisches Quartier namens Victoria Island gäbe, aus dem sich EuropäerInnen und AmerikanerInnen kaum herausbewegen würden, und wenn dann in Autos mit kugelsicheren Fenstern. Die anderen Freiwilligen fühlten sich in Nigeria jedoch sehr wohl und verstanden nicht, warum das Land als No-go-area betrachtet wird.
Mein Kollege Eric hat sich gestern vorzeitig von mir verabschiedet. Er erklärte mir, dass ein Cousin ihm gesagt hatte, er würde in den nächsten Wochen zum Nachfolger des verstorbenen Chef seines Dorfes gekrönt. Damit wäre jegliche andere berufliche Tätigkeit oder Karriere nun für ihn vorbei. Es ist größtenteils eine repräsentative Funktion, die unter anderem mit dem Trinken von sehr viel Sodabi (selbstgebranntem Schnaps) verbunden ist. Dadurch, dass es eine genealogische Nachfolge ist, wird die Person auch nicht gewählt, sondern bestimmt. Erik hat allerdings überhaupt keine Ambitionen auf diesen Posten und wird jetzt erst mal für zwei Wochen abtauchen. Wenn er am Tag der Krönung nicht zur Verfügung steht, muss ein anderer gefunden werden und er hat sich aus der Affäre gezogen.

Kpalime ist berühmt für seinen Stoffmarkt
Letzten Samstag war ich in einer Radiosendung auf „Planète Plus“ in Kpalimé zu hören. Was mich für den Auftritt qualifiziert hat, war mein Englisch. Prima, dachte ich, mal wieder ein bisschen auf Englisch plaudern. Normalerweise kommen immer ein par Expatriées und hauptsächlich einheimische Schüler und man diskutiert eine Stunde lang über ein Thema, das alle bewegt, grüßt 3-4 mal seine Familie und Freunde, hört ein paar Lieder von z.B. Westlife oder Céline Dion. Das Thema der Sendung sollte sein: Ist es besser auf dem Land oder in der Stadt zu leben. Ich radelte also bester Dinge hinter meinem amerikanischen Begleiter her zur Station. Am Himmel waren schon wieder schwarze Wolken aufgezogen und ich habe es mir ganz lauschig vorgestellt in ein Mikrofon zu sprechen und draußen den Regen prasseln zu hören. Als wir ca. 3 Minuten vor Beginn der Emission ankamen war außer MC Moto dem Moderator weit und breit niemand zu sehen. Also wurde kurzerhand umdisponiert und wir haben Liebesgedichte auf Englisch vorgelesen, die MC Moto aus einer Schublade zog. Er stellte sich als ein Typ heraus, der in der Stadt besonders aufdringlich und unangenehm ist. Bei der Abschlussrunde forderte uns MC Moto auf: Grüßt eure Freunde, singt ein Lied, gebt den Leuten einen Rat. ....was soll man sagen? Ich grüße die Welt und stehe für den
Weltfrieden ein...
Es ist halb 7 morgens und mein Gastbruder Michel lässt gerade zum dritten mal Céline Dion in voller Lautstärke dröhnen, meine Gastschwestern Akpedze und Yolande singen mit glockenhellen Stimmen mit, während sie mit ihren Kleinen auf dem Rücken die Hasenställe ausmisten.

Zum letzten Mal viele liebe Grüße aus dem wunderbaren Afrika, und wenn ich auch keine Farm am Fuße der Ngong Berge habe, werde ich sicher irgendwann zurückkommen.
Anna
Sina in Togo (2006-2007)
Aufmarsch zugunsten der Diktatur und Auf dem Boden wälzen gegen böse Geister
Alle Dorfchefs sind gekommen. Mit goldverzierten Kronen auf den Köpfen und in traditionellen langen Gewändern aus gewebten bunten Stoffen. Einer trägt ein riesiges silbernes Herz um den Hals. Sie sitzen auf Plastikstühlen unter dem Wellblechdach, das extra für den heutigen Feiertag aufgestellt wurde.
Es ist der 13. Januar 2007. Heute vor genau 40 Jahren hat Gnassingbé Eyadema in Togo die Macht ergriffen. Bis zu seinem Tod 2005 blieb er Präsident und Diktator. Jetzt ist sein Sohn an der Macht, Faure Gnassingbé. Natürlich ist er „demokratisch gewählt”. Schon beginnt die Parade. Kleine Kinder in Schuluniformen, im Gleichschritt wie die Soldaten. Zuerst marschieren die Grundschüler, in endlosen Reihen. Die Kinder von manchen Schulen salutieren. Vorweg geht ein Kind mit einem Schild, auf dem der Name der Schule steht, dazu manchmal noch eine Devise, so etwas wie „Arbeit, Disziplin, Erfolg”.
Die Kapelle spielt immer noch ihre Marschmusik. Jetzt kommen die Privatschulen und die weiterführenden Schulen. Zumindest sind hier die Uniformen abwechslungsreicher, mal etwas anderes als das ewige Khaki, das schon die Kolonialbeamten hier trugen. Aber nicht alle Schulen marschieren. Viele Menschen in Kpalimé sind nicht einverstanden mit der Politik der Regierung und obwohl auf sie Druck ausgeübt wird, an der Parade teilzunehmen, gibt es Schulen wie die meiner Gastschwester Rita. Die meinte nur: „Unser Direktor ist in den Urlaub gefahren und vorher hat er gar nicht gesagt, dass wir marschieren sollen.”
Die Parade geht weiter. Frisöre, Fußballmannschaften, der staatseigene Mobilfunkanbieter Togocell und die Staatslotterie, alle marschieren sie vorbei. Dann kommt eine Menschenmenge, die tanzt und jubelt, sie schwenken Plakate, auf denen sie die Regierung preisen. Irgendeine Volksgruppe aus dem Norden. Eine Frau schräg vor uns klatscht und jubelt die ganze Zeit über. Vielleicht wird sie dafür bezahlt? Die Motorradfahrer rollen vorüber und vollführen Kunststücke auf ihren Fahrzeugen. Fast alle Minibusse fahren vorbei, dazu das Auto und der Lastwagen von Togocell. Über anderthalb Stunden dauert die ganze Prozedur. Dann zerstreuen sich die Zuschauer, es waren ohnehin nicht viele.
2007 wird ein gutes Jahr. Das weiß Pastor Jacques. Er selbst hat auch schon viel getan, damit das neue Jahr gut wird. An vielen Abenden im alten Jahr hat er mit seiner Gemeinde gegen die bösen Geister gekämpft, die uns schaden wollen. An einem dieser Abende war ich dabei.
Es begann wie ein ganz normaler Gottesdienst, ein wenig unheimlicher durch den Stromausfall, von dem wir hier so oft heimgesucht werden. „Masuria makinda na makita“, wie eine Zauberformel sprach der Pastor das aus und so wirkte es auch auf die anwesenden Frauen. Dieser Satz entstammt keiner bekannten Sprache, die Erklärung, die man mir gab, lautete, diese Worte könnten nur Eingeweihte verstehen, wenn Gott ihnen das gestattet. Mit dieser Zauberformel begann der Teil, der mit dem Christentum, wie ich es kannte, nicht mehr viel zu tun hatte. Zunächst gingen wir alle nach vorne und Pastor Jacques rieb unsere Hände mit Öl ein. Auf einmal fiel mir eine Holzbank auf den Fuß. Ich begriff nicht richtig. Die Frau vor mir zuckte wie wild, schrie. Zwei Leute mussten sie festhalten, sie war in Trance gefallen und hatte dabei die Bank umgerissen. Der Pastor beugte sich über sie, machte wilde Gebärden, sprach seine Zauberformel, besprühte sie mit dem Öl. „Jesus“, hörte ich in allen Reihen. Immer mehr Frauen fielen in Trance, stürzten zu Boden, wälzten sich dort hin und her. Die Bänke wurden hastig zur Seite geräumt, Babys von den Rücken losgebunden.
„Game su“, sagt der Pastor – Die Zeit ist um. „Yovo, komm her!“, damit bin wohl ich gemeint. „Ich bete jetzt für dich, damit du im neuen Jahr Glück hast. Ich bete auf Ewe, sag einfach nur Amen.“
Ein paar Tage später trifft der Pastor meinen Gastvater auf dem Markt. Ich hätte ziemliche Angst gehabt neulich, behauptete er.
Szenenwechsel. Montag Nachmittag in einer Baptistenkirche. „Ta, to, tu“, liest Elaine. Akwele aus der Gruppe nebenan ist schon weiter. Sie liest schon ganze Sätze und heute lernt sie Subtrahieren. „Ti, té, tou“, macht Elaine weiter, „C’est fini. – Ich bin fertig.“ Stolz legt sie den Zeigestock weg, aber auch froh, dass sie fertig ist. Elaine lernt sehr motiviert lesen und schreiben, aber das fällt ihr nicht mehr so leicht wie einer Sechsjährigen. Sie ist bereits über siebzig und damit die älteste Frau im Alphabetisierungskurs. Zwischen sieben und elf Frauen treffen sich dort. Sie alle hatten als Kinder nie die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, weil ihre Eltern kein Geld hatten oder es nicht für die Bildung von Mädchen ausgeben wollten, oder weil die Kinder auf dem Feld oder im Haus mithelfen mussten. Noch immer besuchen mehr Jungen als Mädchen die Schule und das obwohl mehr Mädchen geboren werden. Jetzt können diese Frauen zumindest einen Teil des Versäumten nachholen. Selbstständig Schilder lesen lernen und den Preis ihrer Waren alleine ausrechnen. Denn viele von ihnen sind Marktfrauen. Auch Französisch lernen sie in dem Kurs. Das ist wichtig, selbst innerhalb Togos, denn hier leben viele verschiedene Ethnien mit vielen verschiedenen Sprachen. Fast alles Geschriebene ist in der Sprache der ehemaligen Kolonialherren verfasst. Ursprünglich stammte die Idee zu dem Kurs von ehemaligen Freiwilligen, jetzt führen drei andere Freiwillige und ich den Kurs weiter. Uns zur Seite stehen zwei Lehrer, die wir bezahlen, sie kümmern sich um den Lernstoff und können mit den Frauen auf Ewe, in ihrer Muttersprache, reden. Die Frauen sind eifrig bei der Sache. Mit den Resultaten wird es zwar etwas länger dauern, aber kleine Erfolge haben wir schon erzielt. Eine Frau fing eines sonntags plötzlich an, mit dem Pastor Französisch zu sprechen. Ihr erklärtes Ziel ist, in der Kirche die Bibel auf Französisch vorzulesen.
Die Ferien sind vorbei, seit zwei Wochen arbeite ich wieder im „Envol“ mit geistig behinderten Kindern. Der Start war vielversprechend. Eine der anderen Freiwilligen bekam über Weihnachten Besuch von ihrem Freund und der konnte mir ganz viel von meinen Eltern mitbringen. Das meiste davon war aber nicht für mich, sondern für die Kinder, altes Spielzeug von mir und meiner Schwester. Jetzt sind genug Legosteine da, dass auch die „Grossen“ in der Pause damit spielen können.

Alltag in Gruppe eins im Envol. Das ist die Schule für geistig behinderte Kinder,
in der ich gearbeitet habe. Von links: Komla, Yaotse, Elise, Veve, Dado
Begeistert rollen Bihiki und Kossi die Autos hin und her, Delphine und Anani bauen sich Fotoapparate. Nazif wirft einen Tennisball gegen die Wand. Mit den Holzpuzzeln haben jetzt endlich auch die Kinder aus Gruppe Zwei ein angemessenes Spielzeug, mit dem sie mehr gefordert werden. Ich freue mich die ganze Zeit, sie so zu sehen. Außerdem ist eine neue Freiwillige im Envol, Kirsten. Sie hat ganz viele tolle Ideen, gemeinsam können wir bestimmt viel machen.

Amen (das ist ein Vorname) und ich beim Fufu-Stampfen. Fufu ist ein Brei aus Yams, Maniok oder Kochbananen und das Stampfen ist ganz schön viel Arbeit.

Ganz aufmerksam folgen die Frauen dem Alphabetisierungskurs. In diesem Projekt habe ich zweimal die Woche je eine Stunde mitgearbeitet.
