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Oezelem in der Ukraine

Um schillernde Eindrücke zu schildern ist es noch zu früh, obwohl es mit Sicherheit schon den einen oder anderen atemberaubenden Moment gab, zum Beispiel, als das Flugzeug im Sinkflug über Tallins Altstadt und See geglitten ist und man den Eindruck erhielt, man könne die Kirchturmspitze mit den Fingern berühren und würde gleich im Wasser landen. Aber nicht Tallin, sondern Kiew ist die Stadt über die es zu berichten gilt. Mein erster Eindruck war, um es milde zu formulieren, nicht sonderlich grandios, gefolgt von drei schrecklichen Tagen, an denen ich bereit gewesen wäre die Rückreise anzutreten. Die ersten frustrierenden Ereignisse fanden bereits am Flughafen in Borispol statt. Das sehr wenig kooperative Zollpersonal wollte eigentlich nur meine Geige kontrollieren, war aber nicht bereit, mir das in einer mir verständlichen Sprache zu erklären. Das folgende Wochenende war vor allem kalt, einsam und langweilig. Festsitzend in dem für mich vorgesehene Zimmer in einer doch sehr ärmlichen und erbärmlichen Umgebung. Wohnverhältnisse, an die man sich erst gar nicht gewöhnen mag, bis man feststellt es geht noch schlimmer. Die Heizung wird beispielsweise für die ganze Stadt automatisch vom Staat angestellt. Zu meinem und aller anderer Pech jedoch 5 Tage nach geplantem Termin. Der Oktober kann hier schon ein paar sehr kalte Tage mit Minusgraden bescheren. Da helfen auch 3 Paar Socken und dicke Pullover nicht mehr.
Wirklich greifbar wurde Kiew auch am Montag nicht, als mir von AlternativeV, meiner Gastorganisation, endlich ein bisschen über die Geschehnisse der kommenden Tage berichtet und ein paar Dinge erklärt wurden.
Ein paar Tage später kam Patricia aus Österreich in Kiew an und wir konnten mit dem On Arrival Training starten, welches endlich Licht ins Dunkel brachte. Ich möchte über meine Arbeit erzählen. Ich war schlichtweg überrascht, als man mich in ein großes Bürogebäude brachte. Ich nahm an, in einem netten kleinen Projekt zu landen. Stattdessen bekam ich gleich 2 Stockwerke des Hauptbüros der Alliance. Von Anfang an waren alle sehr an mir interessiert, freundlich und hilfsbereit. An Ansprechpartnern fehlte es also nicht. Schon am zweiten Tag hatte ich meinen eigenen Arbeitsplatz mit Computer. Mir wurden alle Büroräume gezeigt und die verschiedenen Departments zuerst erklärt und dann vorgestellt. Ich wurde nach meinen Vorstellungen und Wünschen zur Arbeit hier gefragt. Zu den mir hier angebotenen Möglichkeiten zählen unter anderem, Besuche der in Kiew angesiedelten Projekte und eine eventuelle Mitwirkung an ihnen. Die Stunden können in Büro und Projekt bzw. Grafikarbeit aufgeteilt werden Mein Wunsch war außerdem das Besuchen verschiedener MSM Projekte in der Ukraine.

Bei AlternativeV schneie ich etwa zwei mal die Woche rein, da ich dort meinen privaten Russischunterricht mit Inna nehme. Dort bin ich immer sehr willkommen und kann ein wenig plauschen und meine Sorgen äußernn. Inna ist eine sehr freundliche und geduldige Lehrerin, die auch nicht aus der Fassung gerät, wenn man alle 2 Sekunden wieder vergessen hat wie das Wort heißt. Der Unterricht findet zwar in Englisch statt, aber im Notfall klappt auch eine Verständigung in Deutsch.
Ansonsten ist es oft, vor allem in den älteren Generationen, einfacher jemanden zu finden der Deutsch versteht, als Englisch. Meist sprechen nur Studenten ausreichend Englisch für eine Verständigung. Dennoch hatte ich bis jetzt eigentlich keine Kommunikationsschwierigkeiten. Die Menschen sind fast immer bemüht, zur Not auch mit Händen und Füßen, dich zu verstehen.
Jede Person, die man kennen lernt wird früher oder später die Frage stellen: „Warum bist du nach Kiew gekommen, weshalb hast du dich für die Ukraine entschieden?“ So simpel die Frage auch sein mag, desto komplexer gestaltet sich die Antwort, wenn einem eine einfallen würde. Ein einfaches: „Keine Ahnung“ oder „Die Projektbeschreibung war sehr interessant“ reichen als Rechtfertigung in der Regel nicht aus. Was vor allem mit dem Stolz auf Kultur und Sprache zusammen hängt, den ich bei vielen Ukrainern beobachten konnte.
Vielleicht sollte ich eine gute Antwort auf diese Frage haben, vielleicht brauche ich sie persönlich aber auch gar nicht. Viel interessanter ist doch eigentlich die Frage, warum ich mich entschieden habe zu bleiben und nicht die Flucht heimwärts anzutreten.
Sicherlich steht hier das Abenteuer wieder einmal im Vordergrund, denn wie schon bereits erwähnt: zuhause kann man von Abenteuern träumen, aber nur sehr selten welche erleben. Aber vielleicht auch nur, weil es sich gut flanieren und speisen lässt? Das Essen ist hier überhaupt sehr gut, also keine Scheu! Man sollte alles probieren, was einem angeboten wird. Zudem genieße ich Blind Dates mit Freiwilligen und interessierten Ukrainern von AlternativeV. Sie verteilen großzügig meine Telefonnummer und nun ruft ständig jemand neues an, umd sich mit mir zu treffen. Auf diesem Weg lernt man relativ schnell verschiedene und interessante Menschen kennen, die einem zudem nur all zu bereitwillig die Stadt zeigen.
Natürlich habe ich mir das Beste bis zum Schluss aufgehoben. Kiew ist das reinste Paradies für jeden, der Bücher liebt, verehrt oder gar heiligt. Einfache Seiten als Buch zusammengefügt oder aufwendig gearbeiteter Ledereinband; Kinderbücher mir Glitzerseiten, „Flap-in-a-Flap“ oder andere großartige Effekte. Die Mummins von Tove Jannson, Matilda von Roald Dahl, Harry Potter in tausend verschieden Covers in russisch und/oder ukrainisch. Kleine Buchläden, große Buchläden, ganze Märkte von Büchern jeglicher Art. Büchercafes, in denen man die Bücher während des Aufenthaltes lesen und wenn es einen gefesselt hat auch kaufen kann. Und das ganze für einen Bruchteil von dem, was ein Buch in Deutschland kostet.
Ja schade, zu schade nur, dass ich sie alle zwar besitzen könnte, aber ihr Inhalt mir noch geheim bleibt. Aber was ist ein besserer Ansporn um Russisch zu lernen?
So eigentlich bin ich jetzt am Ende. Vielleicht noch ein paar Tipps für zukünftige Freiwillige:
Seid nicht schüchtern im Vorfeld alle Einzelheiten zu erfragen, die ihr glaubt, wissen zu müssen. Erkundigt euch ein bisschen über das Leben in eurem Wahlland, denn je größer das Wissen, um so kleiner der Schock.
Am Anfang mag alles ein bisschen merkwürdig sein und vielleicht sogar unannehmbar. Aber man sollte sich selbst und den anderen eine kleine Chance von wenigstens ein paar Wochen geben. Danach ist alles nämlich nur noch halb so wild.

