Blogs unserer Freiwilligen der letzten Jahrgänge
Hisar (2008/2009) Christoph (2008/2009)
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Vietnam
Julia war für einen zwölfmonatigen weltwärts-Freiwilligendienst in Vietnam
Es war dunkel, als wir am Flughafen ankamen. Die einstündige Fahrt zum Peace House, das ist Haus von Volunteers for Peace Viet Nam (VPV), ließ deswegen nur schemenhafte Umrisse von Ha Noi erkennen, die ich nicht so recht einzuordnen wusste: viele Motorräder, das hatte ich gehört. Kleine Baracken, Palmen?
Im Peace House angekommen hatten wir unser erstes Gespräch mit einer Österreicherin, die uns damit begrüßte: „Ach ihr seid's, die vier Deutschen, die für ein Jahr bleiben? Ihr seids ja verrückt! Wir alle sind froh, dass wir nur ein paar Wochen bleiben!“. Ermutigend ist etwas anderes. Doch die Mitarbeiter/-innen von VPV haben uns dafür freundlich aufgenommen, uns mit Mundschutz, Mückennetz und Ventilator ausgestattet. Die Einführungswoche war sehr hilfreich. Natürlich auch die Sprachstunden, damit wir gleich beim Einkaufen handeln konnten, die City Tour, um den Verkehr in Ha Noi das erste Mal nicht alleine meistern zu müssen, und die Gespräche zum Kulturunterschied.
Es schien mir danach, dass in Viet Nam wirklich alles anders ist - Probleme werden nicht besprochen, sondern auf keinen Fall erwähnt, Zeit ist dehnbar, wütend zu werden heißt, sein Gesicht zu verlieren und letztendlich gar nichts zu erreichen, über Politik und Religion wird nicht gesprochen usw., usw.
Nach einer Woche wurden wir dann von den Mitarbeiter/-innen in unsere Projekte gebracht, was für mich hieß, auf nach Viet Tri! Dort sollte ich an einer High School Englisch unterrichten, und, wie ich wenige Tage vorher erfuhr, kam auch noch Englischunterricht im SOS-Kinderdorf hinzu, was ich mir insgeheim schon gewünscht hatte, nach dem ich gelesen hatte, dass es einen solchen in Viet Tri gibt. Bis einen Tag vor Abreise in meine 100.000-Einwohner-Stadt, 2 Stunden westlich von Ha Noi, konnte mir noch niemand sagen, ob ich nun in einer Gastfamilie, in einer eigenen Wohnung oder zusammen mit anderen Freiwilligen wohnen sollte. Wie sich bei meiner Ankunft herausstellte war es eine Mischung aus allem. Mein neues zu Hause ist ein Haus, in dem ich in den ersten drei Monaten zusammen mit zwei anderen Freiwilligen aus Dänemark (sind jetzt schon wieder zu Hause) und Thoa, einer 25-jährigen Vietnamesin wohne, deren Job es ist, sich um uns zu kümmern. Hinzu kommt noch Chu Tinh, unser Koch und Einkäufer. Thoa ist wunderbar, sie ist jederzeit für uns und unsere Probleme da und mittlerweile zu meiner „Gast-Mutter-Schwester-Freundin“ geworden. Sie begleitete mich auch das erste Mal zur Arbeit, sowohl an der Coc Ba Viet Tri (High School) als auch zum SOS-Kinderdorf.
Die Schule, an der ich arbeite, ist die größte im Norden Viet Nams. 1600 Jugendliche besuchen hier die 10., 11. und 12. Klasse. Das Schulgebäude ist sehr neu und die Hälfte der Klassenräume ist mit Computern und Beamern ausgestattet. Es gibt insgesamt 13 EnglischlehrerInnen, die mich alle sehr herzlich aufgenommen haben. Mir war anfangs nicht ganz klar, was ich an dieser guten Schule als entwicklungspolitische Freiwillige sollte und diese Frage ist immer noch in meinem Kopf, nur wird sie inzwischen auch davon überschattet, dass mir die Arbeit Spaß macht.
Das SOS-Kinderdorf ist nicht minder gut ausgestattet. Die Häuser sind groß, von Gemüsegärten und Obstbäumen umringt, auch einen kleinen Fußballplatz gibt es. Nur eine Bemerkung eines kleinen Mädchens traf mich, als sie mich sah: „Schon wieder eine Freiwillige?“. Mittlerweile bin ich vier Mal die Woche nachmittags im Kinderdorf. Montags beschäftigt mich eine Bande vorpubertärer Jungs, die alles andere im Kopf haben, als Englisch zu lernen. Dienstags und mittwochs habe ich Zehntklässlerinnen, die inzwischen sogar schon ein bisschen meine Freundinnen geworden sind. Donnerstags unterrichte ich 3 Mädchen der 11. Klasse.
Weiterhin hat mich gleich am Anfang meiner Zeit in Viet Tri Phuong besucht. Phuong war eine gute Freundin der Freiwilligen, die letztes Jahr hier waren, und ist jetzt auch meine. Sie hat mich sofort als Nachhilfelehrerinnen an ihre Cousinen und deren Freundinnen vermittelt, so dass ich zweimal die Woche abends auch Englisch bei mir zu Hause unterrichte.
Nach den ersten drei Monaten bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich sagen kann, in Viet Nam ein zweites Zuhause gefunden zu haben. Teilweise hab ich das Gefühl, nicht mehr nach Deutschland zurück zu wollen, weil die offenen und glückliche Mentalität mich begeistert. Die Menschen hier, egal ob Lehrer/-innen, Nachbar/-innen, die Familie von Thoa oder Fremde auf der Straße sind unglaublich freundlich und scheinbar immer gut gelaunt. „Sieh es wie die Vietnamesen – sieh es positiv!“ ist ein Spruch von meinen MitbewohnerInnen und mir geworden.
Das Essen ist sehr gut (sogar für mich als Vegetarierin, auch wenn niemand versteht, warum ich Vegetarierin bin), Viet Tri ist eine schöne Stadt, in der es alles gibt, was ich zum Leben brauche, meine Ausflüge nach Ha Noi, bei denen ich die anderen deutschen Freiwilligen treffe, machen Spaß, die Landschaft ist großartig. Ich mag die Märkte, ich mag es, dass hier überall Hühner und Kühe herumlaufen, ich mag die Straßenimbisse mit ihren Plastikhockern …
Ich habe erwartet, auf Armut zu treffen, doch tatsächlich bin ich ihr hier noch nicht auf eine offensichtliche Art und Weise begegnet. In Berlin scheint es mehr Armut zu geben als hier. Doch wahrscheinlich liegt es daran, dass die Menschen hier sehr genügsam sind, sich mit dem, was sie haben, zufrieden geben und ihren Kummer nicht nach außen tragen.
Würde ich jetzt sagen, meine Vorbereitung in Deutschland hat mich vorbereitet? Ein wenig. Es war gut, sich ab und zu an die kulturelle Brille zu erinnern und es war sehr hilfreich, mit den anderen Frewilligen, die in der Welt verstreut sind, erste Erfahrungen auszutauschen. Aber letztendlich kann dich nichts auf die Realität vorbereiten, du musst einfach loslegen, dich überwinden und irgendwie findest du deinen Weg – und die positiven Seiten.

